• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Obwohl in einem Kadaver einige gefährliche Bakterien unterwegs sind, schrecken Geier vor dem Aas nicht zurück: Sie fressen es gerne. Andere Tiere würden daran sterben.

Ein frischer Kadaver ist für die meisten Raubtiere eine beliebte Mahlzeit. Unter ihnen sind die Geier besonders schmerzfrei: Sie fressen auch ältere Kadaver, die schon seit einiger Zeit verrotten.

Je älter das Aas, desto eher lassen katzenartige Raubtiere wie Leoparden und hundeartige Raubtiere wie Wölfe oder Füchse das tote Tier liegen, weil sich in dem Kadaver gefährliche Bakterien ausbreiten können.

Das sind zum Beispiel das sehr giftige Bakterium Clostridium botulinum, das den lebensgefährlichen Botulismus auslösen kann oder auch verschiedene Fusobakterien, die schwere Infekte in den tiefen Atemwegen und im Bauchraum verursachen können, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte Mario Ludwig.

Magensäure tötet Bakterien ab

Den Geiern machen diese Bakterien offenbar nichts aus. Laut einer Studie von Forschenden der Universität Kopenhagen liegt das unter anderem an ihrem Magensaft, der einen sehr niedrigen pH-Wert hat und damit extrem sauer ist. Dadurch tötet der Magensaft einige der Bakterienarten ab, und nur wenige kommen in den hinteren Verdauungstrakt der Geier.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Forschende der North Carolina State University in einer Studie. Die zeigte, dass die pH-Werte im Verdauungstrakt von Aasfressern – im Gegensatz zu vielen anderen Tierarten – sehr niedrig sind.

Für ihre Studie haben die dänischen Forschenden die Bakterienflora von zwei in den USA lebenden Geierarten untersucht: dem Truthahngeier und dem Rabengeier. Insgesamt wollten sie bei 50 Exemplaren des Greifvogels herausfinden, wie viel Bakterienarten sie jeweils im Enddarm und am Kopf der Vögel finden würden.

"Wenn ein Kadaver richtig vor sich hinmodert, dann greifen nur noch die Geier zu. Und da wird es reichlich unappetitlich und auch gefährlich."
Mario Ludwig, Biologe

Mit ihrem Kopf versuchen die Geier nämlich an das Innere eines Kadavers zu kommen. Weil das oft unter harten und zähen Hautschichten liegt, stecken die Geier gerne mal ihren Kopf in die natürlichen Körperöffnungen des toten Tiers wie den After. Dadurch kommen sie mit vielen gesundheitsschädlichen Mikroben in Kontakt. Auf der Kopfhaut der Geier fanden die Forschenden dementsprechend 528 verschiedene Bakterienarten, im Enddarm waren es dagegen 76.

Gift von Bakterien im Darm lässt Geier kalt

Finden die Bakterien trotz der abtötenden Magensäure ihren Weg in den Enddarm der Geier, greift hier ein zweiter Schutzmechanismus: eine Toleranz gegen gefährliche Bakterien.

Im Laufe der Evolution ist der Greifvogel offenbar gegen die von den Bakterien gebildeten Gifte immun geworden und hat mit den Bakterien sogar eine Art Symbiose entwickelt. In den Falten und Zotten des Darms sind die Bakterien einerseits geschützt und ernähren sich von der zu verdauenden Nahrung der Geier.

Andererseits scheiden die Bakterien Verdauungsenzyme aus, wodurch wiederum die Geier das Fleisch des Kadavers besser verdauen können.

Und auch die Bakterien auf dem Gesicht der Geier haben für sie einen Nutzen. Beim Kontakt mit ihren Artgenossen können sie die Bakterien zum Beispiel durch Schnäbeln weitergeben. Bei ihnen regen die Bakterien dann die Produktion von Antikörpern an und stärken so das Immunsystem.