Wie viel bekommt mein Arzt eigentlich von der Pharma-Lobby? Jetzt können wir das nachschauen, dank einer Datenbank, die Journalisten zusammengetragen haben. Die ganze Wahrheit kann aber auch sie nicht abbilden.

Die Nachricht schlug ein: 12.000 Abrufe in der Minute, bis der Server fast aufgab. Heute morgen veröffentlichte der Rechercheverbund Corrrectiv eine Datenbank, die zeigt, welche Zuwendungen Ärzte deutschlandweit von den Pharmakonzernen erhalten. 20.000 Ärzte-Namen und was diese für Vorträge, Beratungshonorare, Fortbildungsveranstaltungen, Reisespesen nehmen. Das beginnt bei ein paar hundert Euro, der Top-Verdiener, ein Arzt aus Essen, bringt es auf 200.000 Euro.

Ein großer Batzen bleibt geheim

Die Daten bekamen die Journalisten von den Pharmafirmen selbst - allerdings nur fast freiwillig. Im Juni hatten sie zunächst allgemeine Zahlen veröffentlicht. Demnach bekommen 70.000 niedergelassene Ärzte Zuwendungen in einer Gesamthöhe von 575 Millionen Euro - das ist in Deutschland etwa jeder zweite Arzt.

Nachgelagert veröffentlichten sie zu einzelnen Summen auch Namen. "Es war im Prinzip so gemacht, dass die eigentlich niemand lesen sollte," sagt Markus Grill von Correctiv. Die Informationen fanden sich verteilt auf den Pharma-Seiten, versteckt in PDFs und anderen Formaten, die sich schwer auslesen lassen. Andere verboten gar eine Weiterverwendung.

Screenshot der Webanwendung, Titel "Finde deinen Arzt"
© Screenshort | Correctiv Datenbank
So sieht die Startseite der Datenbank aus - wenn sie trotz des Andrangs erreichbar ist.

Davon ließen sich die Journalisten nicht abhalten. Erst durch die neue Zusammenführung des Materials wurde klar: Längst nicht alle Ärzte haben ihre Einnahmen offen gelegt. Verfügbare Daten gab es nur von etwa 20.000 Ärzten - das ist nicht mal ein Drittel. Das liegt daran, dass die Ärzte der Veröffentlichung zustimmen mussten.

"Die sehr viel größeren Posten sind Anwendungsbeobachtungen und Studien. Da verrät die Industrie aber nicht, wem sie wie viel bezahlt hat."
Markus Grill, Correctiv-Journalist

Markus Grill macht aber auch klar, dass es noch weiter gehen muss. Nicht offen gelegt haben die Konzerne, welche Summen Ärzte beispielsweise für medizinische Studien erhalten. Auch das sind satte Budgetposten.

Bitte verpflichtend!

Bisher ist jede Veröffentlichung solcher Daten in Deutschland rein freiwillig. Anders sieht das in den USA aus. Der von Barack Obama ins Leben gerufene "Physician Payments Sunshine Act" verpflichtet Pharmakonzerne offen zu legen, an welche Ärzte ihr Geld fließt. Und das ohne jede Einschränkung.

Christiane Fischer ist Ärztin und wünscht sich genau so ein Gesetz in Deutschland. Mit der "Initiative unbestechlicher Ärzte" engagiert sie sich bereits gegen den Einfluss der Pharmaindustrie. Angefangen mit ganz einfachen Regeln: keine Geschenke von Pharmavertretern, keine Essenseinladungen, keine Arzneiproben. All das ist aber selbstverpflichtend - das geht ihr noch nicht weit genug.

Christiane Fischer, Ärztin und Mitglied der "Initiative unbestechlicher Ärzte"
"Unsere Kritik ist, dass es freiwillig ist: Für die Pharmafirmen genauso wie für die Ärzte."

Gesetzesvorstöße in diese Richtung gibt es in Deutschland bisher nicht. "Aus Datenschutzgründen und Hemmungen, dies gesetzlich zu regeln", erläutert Christine Fischer. Sie ist aber überzeugt: Nur mit einem Gesetz kann die Verquickung von Ärzten und Pharmaindustrie transparent gemacht werden: "Dann gilt es für alle und ist gesetzlich überwacht." Und nur so könne letztlich im besten Sinne des Patienten verschrieben werden. Das Interesse daran, so scheint es, ist jedenfalls groß.

"Der Ansturm auf unserer Seite zeigt, dass die Leute wissen wollen, ob ihr Arzt dabei ist. Ich finde das legitim."
Markus Grill, Correctiv-Journalist