Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke hat am Dienstagabend in Dresden eine Rede gehalten. Er hat darin den Umgang der Deutschen mit der Geschichte thematisiert. Wir haben mit DRadio-Wissen-Historiker Matthias von Hellfeld über einige Aussagen Höckes gesprochen.

Die AfD lebt von der Provokation. Und es ist nicht das erste Mal, dass Björn Höcke mit gezielten Provokationen in die Schlagzeilen gerät, um später dann seine Aussagen wieder zu relativieren.

Auch diesmal hat Höcke die Aufmerksamkeit auf seiner Seite. Politiker aller Parteien äußern sich zu seiner Rede und die Medien berichten darüber.

Stafan Maas, Hauptstadt-Korrespondent, über den Umgang der Medien mit der AfD
"Machen wir uns zum Lautsprecher einer Partei, die einerseits immer von Lügenpresse spricht, aber andererseits davon lebt, dass wir aus dem Empörungsreflex heraus über jedes Stöckchen springen, das uns hingehalten wird?"

Höcke spricht in seiner Rede unter anderem über Dresden und den Zweiten Weltkrieg: "Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen Städte wollte man nichts anderes als uns unsere kollektive Identität rauben."

Der Historikerstreit

DRadio-Wissen-Historiker Matthias von Hellfeld erklärt, dass es seit 1945 immer wieder Revisionisten gab, die unsere Gesellschaft und unsere Geschichte anders dargestellt sehen möchten, als sie wirklich gewesen ist: "Und das liegt natürlich auch daran, dass die Zeit zwischen 1933 und 1945 auch eine Monstergeschichte war." Schwer zu verarbeiten, schwer zu verstehen. Bereits in den 80er Jahren hatten sich Historiker darüber gestritten, welche Rolle der Holocaust im Geschichtsbild der Deutschen einnimmt und einnehmen sollte. Bei solchen Diskussionen geht es am Ende immer wieder um die Frage: War der Zweite Weltkrieg ein Angriffs- oder ein Verteidigungskrieg?

"Wir haben in den 80er Jahren schon einmal die Schlacht erfolgreich geschlagen. Das werden wir jetzt noch einmal tun müssen."
Matthias von Hellfeld, DRadio-Wissen-Historiker

Wer von einem Verteidigungskrieg ausgeht, beruft sich gerne auf die Annahme, die Russen hätten 1941 bereitgestanden. Und wenn die Deutschen nicht eingegriffen hätten, "dann wären sie von den Russen vom Erdball vertrieben worden", so DRadio-Wissen-Historiker Matthias von Hellfeld. Er sagt: Es war aber ein Angriffskrieg. Es war ein Krieg gegen die Juden, ein Krieg gegen die Bolschewisten auf der ganzen Welt und es ging Hitler darum, in Osteuropa Land zu gewinnen, um sogenannten "Lebensraum" für Deutsche zu bekommen.

Die Rede von Richard von Weizsäcker

Björn Höcke hat in seiner Rede auch über andere Reden gesprochen, vor allem über Reden von ehemaligen Bundespräsidenten: "Eine der bedeutsamsten Reden, die von einem Bundespräsidenten gehalten wurde, das war die Rede von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1945 [1985, Anm. der Redaktion]. Das war eine rhetorisch wunderbar ausgearbeitete Rede, stilistisch perfekt. Richard von Weizsäcker war ein Könner des Wortes. Aber es war eine Rede gegen das eigene Volk", sagte Björn Höcke.

"Das war die beste und ausgewogenste Rede, die Richard von Weizsäcker in seinem Leben gehalten hat"
Matthias von Hellfeld, DRadio-Wissen-Historiker

Richard von Weizsäcker hat sich in seiner Rede am 8. Mai 1985 - 40 Jahre nach Kriegsende - mit der Frage beschäftigt: War das Ende des Zweiten Weltkriegs eine Niederlage oder war es eine Befreiung für Deutschland? Und er kommt zu dem Schluss: Es war beides. "Natürlich ist es eine Niederlage gewesen für Hunderttausende Menschen, die aus Osteuropa, aus ostdeutschen Ländereien von den Russen unter bösesten Umständen vertrieben wurden", erklärt Matthias von Hellfeld, "Aber es war natürlich auch eine Befreiung. Für alle, die in Konzentrationslagern saßen, alle, die verfolgt waren, alle, die untergetaucht waren - für die war der Tag die Befreiung ihres Lebens."

Holocaust-Mahnmal: Schande oder Erinnerung?

"Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk auf der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz der Hauptstadt gepflanzt hat."
Björn Höcke, AfD-Politiker aus Thüringen

Björn Höckes Aussage zum Holocaust-Mahnmal in Berlin findet Matthias von Hellfeld nicht richtig: "Das ist kein Denkmal der Schande, sondern das ist ein Erinnerungsdenkmal. Und das ist auch gut, dass wir uns das genau da hingesetzt haben." Es sei ein sichtbares Zeichen für alle Touristen, die nach Berlin kommen, und drücke aus, dass wir ein offenes, tolerantes Land sind, dass wir demokratisch sind und dass wir nicht vergessen haben, was in den zwölf Jahren passiert ist, als die Nationalsozialisten an der Macht waren.

"Das ist kein Denkmal der Schande, sondern das ist ein Erinnerungsdenkmal. Und das ist auch gut, dass wir uns das genau da hingesetzt haben."
Matthias von Hellfeld, DRadio-Wissen-Historiker