In Afghanistan trifft eine Krise auf die nächste, die das Land alleine kaum auffangen kann. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen leisten dort zwar weiter humanitäre Hilfe. Trotzdem ist die gesundheitliche Situation vieler Menschen kritisch und wird schlechter.

Erst im Juni haben die Menschen in Afghanistan eines der tödlichsten Erdbeben seit Jahrzehnten erlebt. Mindestens 1000 Menschen sollen nach offiziellen Angaben bei dem Erdbeben im Osten des Landes ums Leben gekommen sein. Jetzt hat sich die jährliche Monsun-Periode durch die heftigen Regenfälle zu einer Flutkatastrophe entwickelt, bei der laut der Taliban-Regierung bisher mindestens rund 180 Menschen gestorben seien.

Erdbeben, Flut, Hungersnot

Vor der Flut hat der Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen (OCHA), Martin Griffiths, schon vor einer Hungersnot in Afghanistan gewarnt. Nach dem Stopp großer Entwicklungshilfeprojekte im Land, der eine Reaktion auf die Machtübernahme der Taliban im August 2021 war, sei die Lage dort deutlich kritischer geworden. Von den rund 40 Millionen Menschen, die in Afghanistan leben, seien über 24 Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Extreme Drucksituation

Die Menschen dort stehen aktuell durch die sich überlappenden Krisen extrem unter Druck, sagt Philipp Frisch, Leiter der politischen Abteilung der Organisation Ärzte ohne Grenzen. Mangelernährung, Infektionskrankheiten wie Masern und Durchfallerkrankungen würden sich dort momentan besonders stark ausbreiten und sich zu immer größer werdenden Problemen entwickeln.

"Das nationale Gesundheitssystem ist im Moment nicht in der Lage, den Menschen zu helfen, die tatsächlich dringend Hilfe brauchen."
Philipp Frisch, Leiter der politischen Abteilung bei Ärzte ohne Grenzen

"Wir sind natürlich wie oft in der Situation zu versuchen, unser Möglichstes zu tun. Trotzdem muss man anerkennen, dass humanitäre Hilfe oft nur der Tropfen auf den heißen Stein sein kann", so Philipp Frisch.

Das bedeutet: Die Organisation kann kein Ersatz für ein funktionierendes Gesundheitssystem sein. Oder eben ausreichend auf weitere Katastrophen reagieren, während sie die Folgen einer anderen gesundheitlichen Notsituation gerade versucht, abzumildern. Ärzte ohne Grenzen sind in Afghanistan in sechs der 34 Provinzen aktiv.

"Die Flutkatastrophe trifft eine Bevölkerung, die ohnehin schon extrem unter Druck steht."
Philipp Frisch, Leiter der politischen Abteilung bei Ärzte ohne Grenzen

Die Machtübernahme der Taliban, die anhaltenden Krisen und die weiteren Katastrophen, die hinzukommen, erschweren die Arbeit der humanitären Hilfsorganisationen. Trotzdem konnten Ärzte ohne Grenzen weiter in Afghanistan helfen, so Philipp Frisch. Sie haben die Menschen dort bei Geburten unterstützt, Infektionskrankheiten behandelt und chirurgische Eingriffe durchgeführt.

Medizinische Versorgung oft spät

Oft würden die Menschen in Afghanistan allerdings erst sehr spät in ein Krankenhaus kommen, obwohl sie dringend medizinisch versorgt werden müssten. Ein Grund dafür sei, dass es für sie sehr schwer sei, die Krankenhäuser überhaupt zu erreichen. Die Kosten für die Fahrt können sich viele nicht oder nur schwer leisten, sagt er, was auch an dem Zusammenbruch der Wirtschaft in dem Land liegt.