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Nach 20 Jahren hat der letzte Soldat der USA Afghanistan verlassen. Zurück bleiben viele Ortskräfte und andere Menschen, die in Gefahr sind.

Alle Soldatinnen und Soldaten der USA haben Afghanistan verlassen – damit endet zumindest aus Sicht der USA ein 20-jähriger Krieg. Für viele Menschen in Afghanistan könnte jetzt eine Zeit mit mehr Gewalt und Bedrohung beginnen. Auch droht dem Land es eine humanitäre Katastrophe, befürchtet Doris Simon, Korrespondentin für die USA. Ob die Befürchtungen wahr werden, hängt davon ab, wie sehr sich andere Länder weiterhin für Afghanistan engagieren – auch finanziell.

Der Abzug der USA war aus eigener Sicht ein Erfolg und Misserfolg gleichzeitig. Zum einen haben sie in kurzer Zeit 79.000 Menschen ausgeflogen, darunter 6.000 US-Bürgerinnen und -Bürger. Zum anderen aber konnten nicht alle Menschen mit US-amerikanischem Pass aus Afghanistan gebracht werden, und viele weitere Ortskräfte, die die USA unterstützt haben und keine Amerikaner sind, sind ebenfalls in Afghanistan geblieben, wo sie jetzt Gewalt durch die Taliban fürchten müssen.

Warum wurde der Abzug vorgezogen?

"Der Abzug wurde begleitet von Chaos", sagt Doris Simon. "Und er wird überschattet unter anderem vom Attentat, bei dem mindestens 100 Menschen ums Leben gekommen sind."

Vieles wird jetzt aufgearbeitet werden, sagt Doris Simon – zum Beispiel, ob der Abzug der USA nicht anders hätte geplant werden können und müssen, ob das Engagement, die Ortskräfte zu retten, wirklich ausgereicht hat und warum der Abzug, der eigentlich später terminiert war, auf den 31. August vorgezogen wurde.

"Der Terror kommt nicht mehr von Al-Qaida, aber er ist noch da."
Doris Simon, Korrespondentin für die USA

Die USA und andere Nato-Staaten hinterlassen Afghanistan unter einer Taliban-Regierung, von der noch nicht klar ist, was sie mit dem Land vor hat. Auch wie sich die IS-Terrororganisation entwickeln wird, ist noch unklar. Doris Simon: "Man rechnet zurzeit mit circa 2000 IS-Kämpfern."

Die USA haben angekündigt, sich weiterhin für Afghanistan einsetzen zu wollen und die Taliban und den IS zu beobachten.

Taliban feiern und übernehmen Ausrüstung

Nach dem Abzug der USA haben die Taliban gefeiert, mit Feuerwerk und Schüssen in die Luft. Heute morgen (31.08.) haben die Taliban den Flughafen eingenommen. Sie haben also die Kontrolle über die Flughafen in Kabul, doch betriebsbereit ist dieser nicht. Denn zurzeit gibt es kein ausgebildetes Flughafenpersonal. "In den nächsten wird vermutlich kaum ein Flugzeug starten oder landen", sagt Silke Diettrich, Korrespondetin für Afghanistan

Silke Diettrich, Korrespondentin für Afghanistan. Mehr über die aktuelle Situation vor Ort nach dem Abzug des US-Militärs hört ihr hier:
"Zehntausende stehen auf Listen. Die sollen nach Deutschland kommen. Jetzt wird verhandelt, ob und wie die rauskommen können."

Die Taliban haben jetzt zudem Zugang zum Material, das die Streitkräfte in Afghanistan zurückgelassen haben. "Manche Taliban laufen in den Uniformen des US-Militärs rum", sagt Silke Diettrich. Auch haben sie Zugang zu Geräten wie Hubschraubern. Allerdings ist unklar, ob diese noch funktionieren.

Nach dem militärischen Abzug beginnen intensive diplomatische Verhandlungen. Zum Beispiel der deutsche Botschafter verhandelt mit den Taliban, um die in Afghanistan zurückgebliebenen Menschen aus dem Land zu holen, die einen Anspruch auf eine Ausreise nach Deutschland haben.

Türkei will Flughafen übernehmen

Eine Option, den Flughafen in Kabul weiter betreiben zu können, wäre, der Türkei Zugang zu verschaffen. Sie hat Interesse am Flughafen, denn dadurch würde sie unter anderem ihren Einfluss in der Region stärken, stetig mit den Taliban in Kontakt sein und ihre Stellung in der Nato stärken. Denn einige Nato-Mitglieder, darunter die USA und Deutschland, haben Interesse daran, dass Flughafen in Betrieb ist. Zum einen wollen sie selbst noch Menschen aus Afghanistan rausbringen, zum anderen auch humanitäre Hilfe leisten für die afghanische Bevölkerung.

Eine Bedingung ist aber, dass das Flughafenpersonal durch türkische Soldaten beschützt werden. An der Anwesenheit dieser haben die Taliban zurzeit aber eher wenig Interesse.

Karin Senz, Korrespondentin für die Türkei. Mehr über die Option, dass die Türkei den Flughafen in Kabul betreibt, hört ihr hier:
"Laut Erdogan haben die Taliban die Türkei gefragt, ob sie den Flughafen betreiben wollen. Die Taliban wollen aber weithin die Kontrolle über den Flughafen haben."