Einem menschlichen Embryo Musik vorzuspielen ist zwar sehr beliebt, eine Wirksamkeit ist aber noch nicht bewiesen. Anders im Tierreich: Hier haben Forschende festgestellt, dass externe Geräusche den Nachwuchs auf vielfältige Weise beeinflussen können.

Mit Geräuschen und Vibrationen die Entwicklung des Nachwuchses beeinflussen – laut einem Forschungsteam aus Australien ist das keine Seltenheit. In ihrer Studie zählen sie Beispiele bei Säugetieren, Vögeln, Amphiben, Reptilien oder auch Insekten auf. Beispielweise können bei allen Tieren, die Eier legen, externe Geräusche oder auch Vibrationen den Zeitpunkt des Schlüpfens beeinflussen.

"Bei allen Tieren, die Eier legen, wird der Zeitpunkt des Schlüpfens durch externe Geräusche oder Vibrationen vorbestimmt."
Inga Gebauer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die Forschenden nennen dieses Phänomen akustische Entwicklungsprogrammierung. Das bedeutet: Die Embryonen bekommen ein akustisches Signal, das ihnen Informationen über die Umwelt, in die sie bald kommen werden, vermittelt. Dementsprechend passen sie ihre Entwicklung an.

Auf klimatische Bedingungen vorbereiten

Mylene M. Mariette, die Hauptstudienautorin, hat sich schon länger Zebrafinken beschäftigt. Dabei ist ihr aufgefallen, dass die Elterntiere in der Brutzeit manchmal einen hohen Piepton von sich geben – jedoch nur, wenn es draußen ungewöhnlich warm ist. Um herauszufinden, welche Wirkung der Ton haben kann, hat sie ihn aufgenommen und in einem Labor künstlich befruchteten Zebrafinken-Eiern vorgespielt.

Ergebnis: Die beschallten Küken sind nach dem Schlüpfen langsamer gewachsen als die anderen. Duch das langsame Heranwachsen haben die Küken weniger Oberfläche entwickelt, die der schädlichen Hitze ausgesetzt ist. Außerdem waren sie später fitter und haben mehr Nachwuchs bekommen. Bei dem Piepen handelt es sich also um einen Hitze-Alarmton.

Unterschiedliche Wirkung auf Männchen und Weibchen

Auch Grillen wenden die akustische Entwicklungsprogrammierung an. Wenn diese als Nymphen besonders oft Balzgesänge von erwachsenen Männchen hören, hat das auch auf ihre Entwicklung Einfluss.

"Wenn Grillen als Nymphen, also im Entwicklungsstadium, besonders oft Balzgesänge, beziehungsweise Balzzirpen, von erwachsenen Männchen hören, dann beeinflusst das auch ihre Entwicklung."
Inga Gebauer, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Hören Weibchen die Balzgesänge, dann häuten und entwickeln sie sich schneller und haben so mehr Zeit für die Nachwuchsproduktion. Den männlichen Grillenbabys signalisieren die Balzgesänge, dass sie mit viel Konkurrenz rechnen müssen. Das hat zur Folge, dass ihre Entwicklung zwar länger dauert, sie aber dementsprechend auch größer und stärker werden, um später bessere Chancen bei den Weibchen zu haben.

Direkter Einfluss der Signale auf den Körper

Klar ist, dass sich die Embroys nicht bewusst für die eine oder andere Entwicklung entscheiden, wenn sie akustische oder Vibrations-Signale wahrnehmen, sagen die Forschenden. Sie vermuten allerdings, dass im Gehirn direkte Verbindungen zwischen der Hörbahn und den Bereichen, die Emotionen, Reflexlernen und die Hormonproduktion steuern, existieren – und das bereits in ganz frühen Entwicklungsstadien.

Das Gehirn muss also die Informationen nicht erst entschlüsseln, sondern sie haben direkt einen Einfluss auf den Körper. Ein Phänomen, das wir Menschen beispielsweise kennen, wenn uns bei bestimmter Musik die Gefühle überwältigen.