Bestimmte Ameisenarten halten sich Blattläuse, um sie als Nahrungsquelle zu benutzen. Abhängig davon, wo sie sich mit ihren Blattläusen niedergelassen haben, ist die Nahrung gut oder nicht so gut. Ist sie nicht so gut, ziehen die Ameisen weiter. Auf diese Weise werden sie zu Wanderhirten, denn im Gegenzug schützen sie die Blattläuse vor anderen Tieren, die sie fressen wollen.

Seit Millionen Jahren gibt es Ameisenarten, die als Viehzüchter leben: Sie halten sich Blattläuse sozusagen als Nutzvieh – denn den Honigtau, den sie ausscheiden, fressen die Ameisen. 

Der Honigtau ist sehr nahrhaft: Die Blattläuse ernähren sich von zucker- und eiweißhaltigen Säften, die sie mit ihrem Rüssel aus den Leitungsbahnen der Pflanzen abzapfen. Nur ein geringer Teil der aufgenommenen Nahrung kann von den Blattläusen verdaut werden – der Rest wird ausgeschieden.

Die Ameisen haben einen Trick, wie sie an den Honigtau rankommen, sagt Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte Mario Ludwig: Sie trommeln auf den Hintern der Blattläuse.

"Die Ameisen trommeln mit ihren Antennen auf das Hinterteil der Blattläuse – und schon geben sie das nahrungsreiche Sekret ab."
Mario Ludwig, Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte

Für die Blattläuse geht der Deal in Ordnung, denn die Ameisen beschützen sie als Gegenleistung beispielsweise vor Marienkäfern oder anderen natürlichen Fressfeinden der Blattläuse.

Ameisen setzen Scouts ein, um geeignete neue Weidegründe zu finden

Ameisen und Blattläuse haben also eine symbiotische Art des Zusammenlebens gefunden – eigentlich könnten sie sesshaft werden, sollte man meinen. Für die Ameisen wird es aber ab und zu nötig weiter zu ziehen, denn irgendwann ist der Honigtau der Blattläuse nicht mehr so nahrhaft. 

Das ist so, weil junge Pflanzen ideal für Honigtau sind, denn die enthalten neben Kohlehydraten auch einem hohen Anteil an Aminosäuren. Und das wiederum bedeutet, so Mario Ludwig, dass der Honigtau sehr gehaltvoll ist. Sogar so gehaltvoll, dass die Ameisen gar nicht mehr nach anderen Proteinquellen suchen müssen, sondern sich nur von den Ausscheidungen der Blattläuse ernähren können. 

Ein Forscherteam aus Deutschland hat vor einiger Zeit die Wanderhirten der Ameisen entdeckt. Sie kommen in Südostasien bei der Ameisengattung Dolichocerus vor. Diese halten Blattläuse der Gattung Mailaicoccus als Vieh. Diese Dolichocerus transportieren ihre Blattläuse regelmäßig zu neuen Weidegründen. Und dabei haben sie ein ausgeklügeltes System, sagt Mario Ludwig. 

"Die Ameisen schicken Scouts los, die neue Weidegründe mit ihrem Blattläusen ausprobieren."
Mario Ludwig, Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte

Wenn es Zeit ist, weiter zu ziehen, packen die Ameisen ihre Blattläuse – in der Regel kommt eine Blattlaus auf eine Ameise – mit ihrem Mundwerkzeug und schleppen sie an einen neuen Ort. Idealerweise ein Ort, an dem es junge Pflanzen gibt. Die Ameisenscouts sind gleichzeitig auch Tester: "Klappt das mit dem Saugen nicht, oder ist die Ausbeute zu gering, werden die Blattläuse wieder eingesammelt und die Scout-Ameisen ziehen weiter", sagt Mario Ludwig. 

Produziert die Blattlaus aber hochwertigen Honigtau, locken die Scouts sofort die anderen Ameisen mithilfe von Pheromonen heran. Auf diese Weise wird ein neuer Weidegrund erschlossen, an dem sich die Wanderhirten eine Zeit lang aufhalten können.

Mehr Tiergespräche auf Deutschlandfunk Nova: