Die Zahl der Hinrichtungen stieg 2025 laut Amnesty International weltweit um fast 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Iran werden meist theologische Straftatbestände und Spionagevorwürfe angeführt, um Todesurteile strafrechtlich zu rechtfertigen.

2.159 Menschen wurden im vergangenen Jahr im Iran hingerichtet. Die iranische Regierung nutze Angriffe von außen, zum Beispiel durch Israel oder die USA, um den Druck nach innen zu erhöhen, sagt Benjamin Weber, unser Korrespondent für die Region.

Theologischer Straftatbestand als strafrechtliche Begründung

Auf mehrere Straftatbestände steht die Todesstrafe, erklärt er. "Kriegsführung gegen Gott und seinen Gesandten" (Muhāraba), ein theologischer Straftatbestand, dient häufig als strafrechtliche Rechtfertigung für ein Todesurteil. Die Vorwürfe bleiben meist diffus, sagt unser Korrespondent. Den Angeklagten wird dann Zusammenarbeit mit ausländischen Mächten, Spionage für Israel oder ähnliches vorgeworfen.

Aber auch Drogenbesitz, Drogenkonsum und Mord können dazu führen, dass die Todesstrafe im Iran verhängt wird, sagt Benjamin Weber. Faire Verfahren oder gerechte Urteile gebe es nicht. Geständnisse würden häufig erzwungen.

Die Menschen, die ein Todesurteil erhalten, seien sehr oft Regimegegner und Regimegegnerinnen. Zu ihnen zählen auch Angehörige von Minderheiten, sowie Menschen, die gegen das Regime protestiert haben und in vielen Fällen würden auch Frauen hingerichtet.

Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, berichtet über den weltweiten Anstieg der Hinrichtungen
"Die iranischen Behörden nutzen die Hinrichtungen und auch die Todesstrafe, um Angst und Schrecken zu verbreiten."

Der aktuelle Todesstrafen-Bericht (18.05.2026) der Menschenrechtsorganisation Amnesty International gibt einen Überblick über den Anstieg der Hinrichtungen. Nachdem die Zahlen in den letzten Jahrzehnten eher rückläufig waren, sind sie nun wieder auf einem Höchststand wie zuletzt vor 44 Jahren.

In 17 Staaten werden Menschen noch hingerichtet. Vor allem die vollstreckten Todesurteile im Iran, Saudi-Arabien und China sind verantwortlich für den extremen Anstieg.

Iran ist das Land mit den zweitmeisten Hinrichtungen weltweit

Iran meldet zwar Hinrichtungen, veröffentlicht aber keine Statistiken, sagt unser Korrespondent. Um Zahlen veröffentlichen zu können, arbeiten Organisationen wie Amnesty International mit iranischen Exilorganisationen zusammen. Diese überprüfen dann einzelne Fälle und tragen sie zusammen. 2.159 Hingerichtete sind mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2024 – da waren es weniger als 1.000 Menschen. Iran ist nach China demzufolge das Land mit den zweitmeisten Hinrichtungen weltweit.

"In Iran gibt es eigentlich keinerlei faire Verfahren oder gerechte Urteile und oft werden Geständnisse auch erzwungen."
Benjamin Weber, ARD-Korrespondent für Iran

Fast täglich gebe es Berichte, dass die iranische Regierung Iraner und Irannerinnen, die im Ausland leben unter Druck setze, in den Iran zurückzukommen, sagt unser Korrespondent. Dabei bezieht er sich zum Beispiel auf den Fall eines 32-jährigen IT-Technikers, der im Ausland gelebt hat. Ihm wurde demnach garantiert, dass ihm nichts passieren werde, wenn er in den Iran zurückkomme. Nach seiner Rückkehr wurde er allerdings festgenommen und aufgrund von Spionagevorwürfen in den frühen Morgenstunden des 13.05.2026 in einem Gefängnis außerhalb von Teheran gehängt, berichtet Benjamin Weber.

Journalist Jakob Vogel zu den aktuellen Entwicklungen im Iran-Konflikt
"US-Präsident Trump hat klar gesagt, dass er ein Abkommen mit Iran will. Aber er hat eben auch gedroht, dass die Uhr ticke und sich das Land lieber schnell bewegen solle."

Der Druck, den das iranische Regime nach innen ausübe, sei gestiegen und die Zahl der Hinrichtungen habe zugenommen. Sowohl letztes Jahr im Juni, nach den israelischen Angriffen, als auch jetzt nach den Angriffen durch die USA – seit dem 8. April herrscht vorerst eine Waffenruhe.

Die wirtschaftliche Lage im Iran sei sehr schlecht, und die Unsicherheit in der aktuellen Lage habe dazu geführt, dass die Zurückhaltung bei den Hinrichtungen im Iran vorbei sei, sagt unser Korrespondent. In der vergangenen Woche sind fast täglich Menschen hingerichtet worden. Dies sei dann durch offizielle Pressemitteilungen, von der Justiz, bestätigt worden.

"Es fühlt sich an, als läge eine Art Schatten des Todes über der Gesellschaft. Wenn man unter Menschen ist, zum Beispiel in der Metro sitzt, im Bus, dann sieht man überall Menschen, die wie betäubt wirken."
Mahtab, beschreibt die aktuelle Situation im Iran

Viele Menschen sitzen in den Gefängnissen und es ist nicht klar, ob sie bereits zum Tode verurteilt wurden, ob und wann das Urteil vollstreckt werde, sagt Benjamin Weber. Das diene auch dazu, andere, insbesondere die Familien und ihnen nahestehende Personen zu terrorisieren.

Shownotes
Nach den Angriffen
Zahl der Hinrichtungen im Iran gestiegen
vom 18. Mai 2026
Moderation: 
Jenni Gärtner
Gesprächspartner: 
Benjamin Weber, ARD-Korrespondent in Istanbul