Andrea Nahles hat ihren Rückhalt verloren und ihre Ämter aufgegeben. Und was wurde sie kritisiert: zu albern, zu prollig, zu laut. Sogar ihre Klamotten haben einigen nicht gepasst. Wäre ein Mann auch so kritisiert worden?

Diese Klischees tauchen immer wieder auf: Wenn ein Mann hitzig diskutiert und laut wird, dann wird er als kämpferisch und engagiert gelobt. Setzt sich eine Frau in der Politik ebenso ein, dann brüllt sie rum oder gilt gar als hysterisch. Wird ein Mann emotional, dann zeigt er sympathische Schwäche. Eine Frau ist dann naiv. Andrea Nahles hat viel von solcher Kritik abbekommen.

Inzwischen haben sich viele Parteifreunde und auch Politiker zu Wort gemeldet, die sagen: Wie mit Andrea Nahles umgegangen wurde, ist überhaupt nicht in Ordnung. Und mit einem Mann wäre anders umgegangen worden. Nun haben vorerst zwei Frauen und ein Mann das Sagen in der SPD: die Ministerpräsidentinnen Manuela Schwesig und Manu Dreyer sowie Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel.

Schlechter Stil in der Politik

Der Stil in der Politik dürfte sich nicht so schnell verändern. "Leider sind diese Muster sehr, sehr verbreitet", sagt Helga Lukoschat von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft. Nicht nur in der Spitzenpolitik, sondern auch auf kommunaler Ebene würden an Frauen andere Erwartungen gerichtet als an Männer.

Es ist gar nicht einfach, aus dieser Spirale wieder herauszukommen. Angela Merkel zum Beispiel habe das geschafft, sagt Helga Lukoschat. Sie habe ihr Geschlecht in den Hintergrund gerückt, auch über die Art ihrer Kleidung, die uniformen Blazer, die sie fast immer trägt. So müsse jede Frau in der Spitzenpolitik ihren eigenen Stil finden.

"Angela Merkel hat die Strategie, dass sie ihr Geschlecht in den Hintergrund rückt und es neutralisiert."

Bei Andrea Nahles hat es nicht funktioniert, zumal die SPD ohnehin nicht zimperlich mit ihrem Spitzenpersonal umgeht. "Nahles hat einerseits diese 'männlichen Formen', dieses Kerlige, durchaus drauf und hat sie kultiviert", sagt Helga Lukoschat. Trotzdem sei sie die erste Frau in 150 Jahren an der SPD-Spitze. Trotz aller Fortschritte sei das immer noch tief verankert in der Gesellschaft: "Politik ist nichts, was ganz selbstverständlich Frauen zugeschrieben wird."

In einer Spitzenposition sei Kritik von verschiedenen Seiten zu erwarten, sagt Helga Lukoschat: "Man muss bei dem bleiben, was für einen passt und was man für sich richtig findet." Dafür brauche jeder Politiker eine gewisse innere Stärke. "Ich würde das aber nicht als ein Problem der Frauen alleine sehen", ergänzt sie, denn: Frauen und Männer sollten diese Art der Parteipolitik gemeinsam ändern.