Viele junge Menschen mit Behinderung gehören derzeit zur Risikogruppe und sind in strikter Quarantäne. Das kann zur emotionalen Belastungsprobe werden.

Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung den Alltag nicht alleine meistern können, haben häufig Assistenzkräfte an ihrer Seite, die sie bis zu 24 Stunden am Tag unterstützen. Sie kochen für sie, helfen ihnen bei der Körperpflege oder gehen für sie einkaufen. Das gibt vielen die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Es bedeutet aber auch, dass diese Arbeit viel körperliche Nähe beinhaltet. Diese sollte derzeit besonders Menschen vermeiden, die zur Risikogruppe gehören.

In Quarantäne bei den Eltern

Vici ist 25 Jahre alt, Studentin und kann aufgrund einer Muskelerkrankung nur ihre Arme bewegen. Sie gehört zur Risikogruppe, da sie nur sehr schwer abhusten kann und deshalb schon oft an Lungenentzündungen erkrankt ist. Für sie war deshalb schnell klar, dass die Besuche ihrer Assistenten ein zu hohes Risiko darstellen.

"Es kann auch passieren, dass eine Assistenz zu mir kommt, die vorher in der Bahn in Kontakt mit Jemanden gekommen ist und sich da infiziert hat. Dieses Risiko war für mich einfach zu hoch."
Vici

Deshalb hat sie beschlossen, wieder aufs Land zu ihren Eltern zu ziehen und auf eine externe Assistenz vorerst zu verzichten. Das klappt bisher ganz gut. Vici kann ihre Seminararbeiten von Zuhause aus schreiben, mal in den Garten oder in den Wald gehen.

Die emotionale Belastung ist sehr hoch

Das Schlimmste für sie ist, nicht zu wissen, wie lange der Zustand so noch anhalten wird. Die emotionale Belastung, ständig um das eigene Leben zu fürchten, ist hoch.

Vici geht nicht davon aus, dass sie in einem Notfall eine Chance auf eine Behandlung habe, wenn das Gesundheitssystem - wie vorhergesagt - bald an seine Grenzen stößt.

Für sie würde das bedeuten, dass sie am Coronavirus sterben könnte.

"Wenn das Gesundheitssystem jetzt an seine Grenzen stößt, dann sehe ich schwarz, dass ich mit meinen Vorerkrankungen noch eine Chance auf Behandlung bekomme. Das würde für mich bedeuten, dass ich höchstwahrscheinlich am Virus sterbe."
Vici

Am meisten wünsche sie sich, dass sich alle möglichst an das Kontaktverbot halten und diese unsichere Situation bald überstanden ist. Es sei für alle eine nervige und herausfordernde Zeit, die hoffentlich danach eine Gesellschaft hervorbringe, die mehr aufeinander achtet und füreinander einsteht.

"Ich hoffe wirklich, dass wir in ein paar Monaten durch sind und als Gesellschaft an Zusammenhalt gewonnen haben und mehr aufeinander achten und mehr für einander einstehen können als vorher."
Vici

Sobald es möglich ist, will Vici wieder zurück in ihre eigene Wohnung. Zur Zeit ist sie dankbar, dass sie die Möglichkeit hat, bei ihren Eltern zu wohnen.

Assistenzkräfte sind zu schlecht ausgerüstet

Auch wenn Vici derzeit auf die Hilfe ihrer Assistenzkräfte verzichtet, bezahlt sie sie weiter, damit keiner in finanzielle Schwierigkeiten kommt. Nicht alle Assistenzen werden von ihren Kundinnen einfach weiterbezahlt.

So beispielweise Jasmin. Sie ist 31 Jahre alt, wohnt in Kassel und arbeitet im Assistenzdienst. Ihre Kundin hat sich auch dazu entschlossen, in Quarantäne zu gehen. Für Jasmin ist das verständlich. Vor allem, da ihr bewusst ist, dass im Assistenzdienst die nötige Schutzausrüstung so gut wie nicht vorhanden sei. Handschuhe und Desinfektionsmittel seien noch da, Mund- und Nasenschutz nicht.

"Der Stand der Schutzausrüstung ist echt beschissen. Wir haben noch Handschuhe, wir haben noch Desinfektionsmittel, aber Mund- und Nasenschutz ist gerade echt ein Problem."
Jasmin, Assistentin für Menschen mit Behinderung

Bei einer Arbeit, die so viel körperliche Nähe zu den Kunden erfordert, ist das sehr problematisch.

Jasmin ist in einem Verein angestellt, was bedeutet, dass sie zurzeit noch darüber bezahlt wird. Wie lange das noch gehen wird, weiß sie aber nicht. Sie wünscht sich, dass die Kostenträger die Assistenzkräfte weiterbezahlen. Da das Gehalt für Assistenten sowie im Budget eingeplant sei, sehe sie das nicht als ein Problem an. Damit sei allen geholfen, den Kunden und den Assistenzkräften.

Es gibt schon Hilfe von anderer Seite. "Aktion Mensch" hat beispielsweise ein Soforthilfeprogramm gestartet, um Menschen mit Behinderung und deren Assistenzen und Begleitungen zu unterstützen. Davon kann dann nicht nur Vici profitieren, sondern auch Assistenzkräfte wie Jasmin.