Vor 50 Jahren – am 16. Januar 1972 – strich der damalige Innenminister Hans Dietrich Genscher offiziell das Wort "Fräulein" aus dem Behördendeutsch. Das heißt: In offiziellen Briefen wird seitdem nur noch zwischen "Herr" und "Frau" unterschieden. Angesichts der heutigen Debatten um geschlechtergerechte Sprache hat sich unsere Reporterin Rebekka Endler gefragt: Wie haben die das damals gemacht? Und warum existierte das Fräulein überhaupt solange?

Bis sich die Abschaffung des "Fräuleins" wirklich durchsetzte, dauerte es noch ein bisschen. Luise Pusch, Sprachwissenschaftlerin und Mitbegründerin der feministischen Linguistik in Deutschland, erinnert sich zum Beispiel daran, dass sie im Oktober 1972 – rund zehn Monate nach der Abschaffung – als Fräulein Luise Pusch ihren Doktortitel erhielt.

"Da stand drauf, dass die sprachwissenschaftliche Fakultät der Uni Hamburg Fräulein Luise Pusch diesen Titel und die Würde des Doktors der Philosophie verleiht."
Luise Pusch, Sprachwissenschaftlerin und Autorin

"Und ich erinnere mich sehr genau daran, dass ich das sehr komisch fand und irgendwie unpassend. Aber es hat mich noch nicht zu lautstarkem Protest angeregt", sagt sie heute. Lautstark protestiert hat sie erst später, denn Luise Pusch ist Autorin des Buches "Das Deutsch als Männersprache", das 1984 erschien und bis heute als linguistischer Meilenstein in Sachen Gleichberechtigung in der deutschen Sprache gilt.

Keine Genderdebatten

Als 1972 das Fräulein aus dem Amtsdeutsch verschwand, gab es kein großes Aufsehen, keine "Genderdebatten" – so wie heute. Es schien Einigkeit darüber zu herrschen, dass das Fräulein ausgedient hat. Der Einfluss der 68er-Bewegung war Teil des Mainstreams geworden.

Unverheiratet: Junker und Fräulein

Der Junker, einst Bezeichnung für einen jungen, unverheirateten Mann, war schon lange ausgestorben, aber das Fräulein hielt sich jahrhundertelang hartnäckig. Durch die Bezeichnung "Fräulein" war sofort für jeden klar: Diese Frau ist noch zu haben – oder eben nicht. Neben der Info über den Ehestatus ging damit auch eine Wertigkeit einher: Die Frau genoss ein höheres Ansehen in der Gesellschaft als das Fräulein.
"Zu praktisch war es doch für Männer, Frauen in der Öffentlichkeit zu kennzeichnen: Die ist noch zu haben. Oder: Die ist nicht mehr zu haben."
Rebekka Endler, Deutschlandfunk Nova
Ein Fräulein, – das war aber während der ersten Feminismuswelle Anfang des 20. Jahrhunderts – auch mal eine Auszeichnung für junge Frauen, die arbeiteten und sich unabhängig durchs Leben schlugen. Die weibliche Unabhängigkeit hielt allerdings nicht lange. Sobald sie eine imaginäre Grenze überschritten, die gesellschaftlich als "heiratsfähiges Alter" galt, bekamen die Fräuleins den spöttischen Beigeschmack der alten, garstigen Jungfer. "Auch das nur eine misogyne Art, eine Frau zu ächten, die sich nicht besonders für Männer zu interessieren scheint", folgert Rebekka Endler. Zur Frau wurde Fräulein einzig durch Heirat mit einem Mann – und natürlich auf Kosten der Berufstätigkeit.

Die Arbeitswelt verändert sich

Ende der 60er-Jahre wurden dann immer mehr Frauen ganz selbstverständlich Teil der Arbeitswelt. Und durch den beharrlichen Einsatz, das Fräulein doch endlich zu streichen, wurde er schließlich gehört: 1972 musste das Fräulein aus der Behördensprache verschwinden

Allerdings waren die Fräuleins damit natürlich nicht komplett passé. Junge Autorinnen waren Anfang der 2000er-Jahre gerne mal ein "Fräuleinwunder" und auch Rebekka erinnert sich noch an Zeiten, in denen sie in einem Biergarten gekellnert hat: "Da erfreute sich das 'Fräulein' großer Beliebtheit, auch wenn ich jedes Mal ins Bier hätte spucken können!"

"Die Kritik am Fräulein lief – wie ich schon sagte – ungefähr schon hundert Jahre. Also wir brauchen einen langen Atem, würde ich sagen."
Luise Pusch, Sprachwissenschaftlerin und Autorin

Auch heute gibt es noch einiges in unserer Sprache, über das wir nachdenken sollten, findet Rebekka: „Und deswegen könnten wir heute doch mal diskutieren, ob man die geschlechtlich-binäre Kennung im Amtsdeutsch nicht komplett abschaffen könnte: Also weg von Lieber Herr Sowieso, Liebe Frau Endler – hin zu Hallo oder Guten Tag Rebekka Endler und Aufwiederhören Luise Pusch. Das fände ich sehr schön und viele andere Menschen sicherlich auch.“

"Die neue Welle haben wir sicher den verschiedenen anderen sozialen Bewegungen zu verdanken, also der Feminismus gibt mal wieder Fahrt auf. Das ist doch schön."
Luise Pusch, Sprachwissenschaftlerin und Autorin