Sein Abschmelzen allein könnte den Meeresspiegel massiv anheben. Doch eigentlich ist der Thwaites-Gletscher in der Antarktis nicht das größte Problem, erklärt der Glaziologe Olaf Eisen.

Der Thwaites-Gletscher in der Antarktis – auch Doomsday-Glescher genannt – schmilzt schneller als bislang angenommen. In fünfeinhalb Monaten hat sich seine Eismasse auf ein Jahr hochgerechnet mit einer Geschwindigkeit von mehr als 2,1 Kilometern zurückgezogen. Zu dieser Feststellung kommen Forschende, nachdem sie Daten eines autonom operierenden Unterwasserfahrzeugs ausgewertet haben.

Seinen Beinamen Doomsday-Gletscher hat der Gletscher deswegen, weil sein Abschmelzen allein den Meeresspiegel um rund 66 Zentimeter anheben könnte. Bis zu drei Meter könnte der Meeresspiegel steigen, wenn zusätzlich ihn umgebende Eismassen ebenfalls abschmölzen.

"Wir sind noch nicht mal bei 1,5 Grad Erwärmung global angelangt, und sehen Sachen, die wir so nur in den schlimmsten Szenarien befürchtet haben."
Olaf Eisen, Glaziologe, Alfred-Wegener-Institut, Bremerhaven

Der Ausdruck Doomsday-Gletscher ist unter Wissenschaftlern unbeliebt, sagt Olaf Eisen. Der Glaziologe erklärt, der Thwaites sei nur ein Problem des Klimawandels und weist auf das grönländische Eisschild und die Alpengletscher hin.

Abschmelzen als Warnsignal

Olaf Eisen arbeitet für das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Über die Gesamtentwicklung des Klimawandels sagt er: "Die schlimmsten Befürchtungen realisieren sich langsam." Heute habe die wissenschaftliche Community in allen Bereichen ihre Zurückhaltung aufgegeben, was schlechte Prognosen angeht. Diese Haltung sei auch auf den jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarates zurückzuführen, der erstmals eine Zeitreihe bis 2300 gezeigt hat. Zuvor reichten die Prognosen nur bis ins Jahr 2100.

"Das Besondere am Thwaites: Er ist sehr groß. Er hat die halbe Größe Frankreichs."
Olaf Eisen, Glaziologe, Alfred-Wegener-Institut, Bremerhaven

Der Teil des Gletschers, der auf dem Ozean schwimmt, das östliche Schelf wird sich wahrscheinlich in den nächsten Jahren weiter auflösen, sagt der Glaziologe. Das Abschmelzen des Gletschers ist für ihn nur das am deutlichsten sichtbare Warnsignal in der Antarktis.

Extremwetterereignisse als Problem

Während sich die Menschheit allerdings auf einen steigenden Meeresspiegel einstellen könne, sieht er in Dürren und Überschwemmungen dramatischere Herausforderungen.

"Thwaites alleine ist nicht das Problem. Er ist nur das hellste Warnlämpchen, das wir gerade in der Antarktis sehen."
Olaf Eisen, Glaziologe, Alfred-Wegener-Institut, Bremerhaven