Gegen Ende des Ersten Weltkriegs 1918 grassierte eine weltweite Pandemie: die Spanische Grippe. Bis zu 50 Millionen Menschen soll sie das Leben gekostet haben, manche Schätzungen gehen sogar von bis zu 100 Millionen aus. Verzweifelt versuchten die Menschen, die damals rätselhafte Krankheit mit Hausmitteln wie Rote Beete oder Gurgeln zu bekämpfen. Vergeblich, wie Wilfried Witte in seinem Vortrag schildert.

Knapp eine Milliarde Menschen steckten sich mit dem damals noch unbekannten Erreger an, heißt es heute - wobei die Schätzungen dazu weit auseinander gehen. Klar ist: Die Mediziner damals standen vor einem Rätsel. Genaue Statistiken oder präzise Aufzeichnungen wie heute bei der Coronavirus-Pandemie zum Beispiel gab es damals nicht.

Vertuschung und Schuldzuweisungen

Viele Ärzte glaubten, der Ursprung des Übels seien Kreislauferkrankungen, erinnert der Mediziner und Historiker Wilfried Witte. Sie verabreichten den Erkrankten deshalb unter anderem das inzwischen verbotene Strychnin. Das nützte allerdings genauso wenig wie die vielen anderen Mittel, die versucht wurden.

Keine wirksame Therapie, keine zündende Idee - dafür Vertuschung und Schuldzuweisungen. Darin war das Deutsche Reich groß während der letzten Kriegsjahre, so der Historiker. Die Parole für die Öffentlichkeit: Alles nicht so schlimm! Und: Eingebrockt hätten das dem deutschen Volk die Briten mit ihrer Hungerblockade.

"Die alarmierenden Nachrichten über den plötzlichen Ausbruch einer rätselhaften Krankheit in Spanien werden sicherlich nicht verfehlen, auch bei uns eine Beunruhigung hervorzurufen."
Hamburger Abendblatt vom 29. Mai 1918

Sehr wohl gab es auch Warnungen durch Mediziner wie in solchen Zeitungsberichten, doch tappten die im Dunkeln. So hat die offizielle Bezeichnung "Spanische Grippe" gar nichts mit ihrer Herkunft zu tun. Nur, weil sich Spanien im Krieg neutral verhielt, berichteten die Medien dort freier über das Phänomen und nur so erreichten die Nachrichten dazu überhaupt das Deutsche Reich.

Prototyp für den Umgang mit Pandemien

Die Spanische Grippe - die Pandemie durch das H1N1-Influenzavirus wie man heute weiß - hat ihren Namen dennoch bis in unsere Zeit behalten. Inzwischen gilt sie unter Wissenschaftlern, Medizinern und Politikern als Prototyp für den Umgang mit allen weiteren weltweiten Ausbrüchen solcher Krankheitswellen.

"Es ist offenkundig so, dass das auch den Grundstein dafür legte, dass in Japan noch heute das Tragen von Gesichtsmasken extrem verbreitet ist."
Wilfried Witte, Mediziner und Historiker

In Japan mahnten die Behörden die Bevölkerung unablässig, Gesichtsmasken zu tragen - was auch nach der Pandemie das öffentliche Leben in Japan bestimmte - bis heute. Selbst im Deutschen Reich gab es zumindest vereinzelte Schulschließungen und Quarantäne - vor mehr als hundert Jahren. Anders als heute: In der Mehrzahl starben die 20- bis 35-Jährigen, nicht die Älteren und Schwachen.

Im Rahmen der Reihe "100 Jahre Spanische Grippe - Hamburger Akademievorlesungen im Wintersemester 2018" hielt Andreas Witte seinen Vortrag "Nur die Spanische Grippe? Grundzüge der Grippe-Geschichte im 20. Jahrhundert" am 18. Oktober 2018, veranstaltet von der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Andreas Witte ist Philosoph, Historiker und Mediziner zugleich und praktiziert als Oberarzt für Anästhesiologie am Charité-Universitätsklinikum Berlin.