In einem Arzneibuch aus dem 10. Jahrhundert hat ein Forschungsteam aus England ein Rezept für eine Augensalbe entdeckt. Sie haben es ausprobiert und herausgefunden: Die Salbe tötet tatsächlich Bakterien ab. Ein altes Rezept, das unseren modernen Antibiotika Konkurrenz machen könnte.

"Bald‘s Leechbook" – ein handgeschriebenes Buch, das mitten in der British Library in London steht. Darin zu finden sind Rezepte für verschiedene Arzneimittel, fein säuberlich handschriftlich aufgeschrieben, im 10. Jahrhundert.

Medizinisches Wissen, das weitergegeben werden sollte. Forscher aus England wollten das genauer unter die Lupe nehmen und untersuchen, ob die mittelalterlichen Arzneimittel tatsächlich wirken.

Mit Ochsengalle gegen Bakterien

Dafür haben sie aus dem Buch ein Rezept für eine Augensalbe ausprobiert. Sie haben Knoblauch und Zwiebeln zerstoßen und das mit Wein und Ochsengalle gemischt. Nach neun Tagen soll die Mixtur dann laut Rezept durch ein Tuch gefiltert und aus dem Kupferkessel in ein Horn umgefüllt werden. Auch zur Anwendung gibt es klare Anweisungen aus dem Mittelalter: Mit einer Feder soll die Salbe nachts auf das Auge aufgetragen werden.

"Knoblauch, Zwiebeln – zerstoßen natürlich mit dem Mörser. Und das wird dann gemischt mit Wein und Ochsengalle."
Sabrina Loi, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die Salbe wurde nicht an Probanden getestet, sondern ganz modern im Labor, erzählt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sabrina Loi. Die Forscher hatten in Reagenzgläsern verschiedene Bakterienstämme – teilweise auch solche, die gegen unsere heutigen Antibiotika bereits resistent sind. In diese Reagenzgläser mit den Bakterien haben sie dann die Augensalbe gegeben und abgewartet, was passiert. Das Ergebnis: Die Salbe tötet tatsächlich Bakterien ab.

"Die Forscher haben die Salbe schon nachgebaut, aber sie haben nicht Feder und Horn genutzt, um das dann Probanden aufs Auge zu schmieren."
Sabrina Loi, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die Mixtur konnte zwar nicht immer alle Bakterien abtöten, aber die Anzahl der Bakterien sei bei allen Bakterienstämmen deutlich zurückgegangen – laut Forschungsbericht um das 1.000 bis 10.000-fache, sagt Sabrina Loi. Außerdem hätten die Forscher herausgefunden, dass die Salbe auch bei Biofilmen wirksam ist.

Salbe wirkte auch bei multiresistenten Keimen

So nennt man es, wenn sich die Bakterien in einer Wunde durch eine Schleimschicht vor unserem Immunsystem schützen. Auch in diesem Fall hat die mittelalterliche Augensalbe die Bakterien fast komplett abgetötet. Bei multiresistenten MRSA-Erregern, wie zum Beispiel
Krankenhauskeimen, habe die Salbe ebenfalls die Anzahl der Bakterien deutlich verringern können.

"Die Anzahl der Bakterien ist bei allen Bakterienstämmen zurückgegangen - um das tausend- bis zehntausendfache."
Sabrina Loi, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Damit macht die Salbe aus dem Mittelalter unseren modernen Antibiotika Konkurrenz, meint Sabrina Loi. Bis die mittelalterliche Augensalbe tatsächlich eingesetzt werde, könnte es aber noch ein bisschen dauern. Erst muss getestet werden, wie verträglich das Arzneimittel ist, sagt die Deutschlandfunk-Nova-Reporterin. Untersuchungen dazu laufen aber schon.