Ab November gibt es die erste bundesweite Meldestelle für Antisemitismus. Warum reicht eigentlich nicht die Polizei? Wir fragen Sigmount Königsberg, Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde Berlin. Er findet die Meldestelle wichtig und richtig.

Die Meldestelle für Antisemitismus sei ein gutes und vor allem niedrigschwelliges Angebot, sagt Sigmount Königsberg, Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Meldestelle hat den Auftrag, Betroffene zu unterstützen und zu beraten. Auf Wunsch kümmert sie sich um juristische und/oder psychologische Hilfe.

"Durch die Meldestelle wird ein niedrigschwelliges Angebot eingerichtet."
Siegmount Königsberg ist Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin; Foto: dpa
© dpa | Sophia Kembowski
Sigmount A. Königsberg, Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Die Meldestelle berate auch bei der Frage, ob Betroffene Anzeige erstatten sollten. Denn: "Viele antisemitische Angriffe, die passieren, sind unterhalb der Strafbarkeitsgrenze", sagt Sigmount Königsberg. Dennoch sei es wichtig, diese zu melden, damit sie erfasst würden. Erst dann werde Antisemitismus in Deutschland auch in der Statistik realistisch abgebildet.

Viele haben Hemmungen, zur Polizei zu gehen

Für Sigmount Königsberg ist die Meldestelle auch wichtig, weil die Hemmung oftmals groß sei, direkt zur Polizei zu gehen. Die Erfahrung jüdischer Menschen sei, dass ihre Meldungen von der Polizei nicht immer ernst genommen würden, sagt der Antisemitismus-Beauftragte. Teils werde von Polizeistellen bestritten, dass Vorfälle einen antisemitischen Charakter hätten.

Aber müssten dann nicht eher Polizisten sensibilisiert und geschult werden, statt eine Meldestelle einzurichten? Letztlich sollte nach einer Straftat der Weg zur Polizei normal sein – ebenso das Vertrauen darauf, dass die Polizei ihre Arbeit tut. Aber Sigmount Königsberg sieht eine wichtige Wechselwirkung zwischen Meldestelle und Polizei.

"Durch die Arbeit der Meldestelle gibt es wiederum eine höhere Sensibilität bei der Polizei und wiederum eine effektivere Antisemitismusbekämpfung."

Bekämpfung von Antisemitismus sei ein langer Prozess, so Sigmount Königsberg. Die Arbeit der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin habe zum Beispiel eine Wechselwirkung gezeigt. Die Sensibilität bei der Berliner Polizei – was Antisemitismus angeht – sei gestiegen. Es gebe mehr Meldungen antisemitischer Vorfälle in Berlin – und zwar nicht nur, weil mehr passiere, sondern auch, weil mehr gemeldet werde.

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