Laut einer Studie des Jüdischen Weltkongresses sind antisemitische Gedanken in Deutschland weit verbreitet. Gleichzeitig steige aber auch die Bereitschaft, gegen Antisemitismus vorzugehen.

Der Jüdische Weltkongress (JW) vertritt jüdische Gemeinden und Organisationen aus mehr als 100 Ländern. Bereits knapp zwei Monate vor dem versuchten Anschlag auf eine Synagoge in Halle durch einen rechtsextremen Täter, hat der JW 1300 Menschen nach ihren Haltungen gegenüber Juden befragt. Laut der Studie hat jeder vierte Befragte antisemitische Gedanken. 41 Prozent stimmten der Aussage zu, dass Juden zu viel über den Holocaust reden.

Auch antisemitische Aussagen wie "Juden haben zu viel Macht in der Weltpolitik" finden bei 25 Prozent der Befragten Zustimmung. In der Bevölkerungsschicht, die in der Studie als "Elite" definiert wird, ist die Zustimmung sogar noch höher. Unter Elite fallen Menschen mit Hochschulabschluss und einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro. In diesem Cluster sind auch 30 Prozent der Meinung, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft.

Bewusstsein über Antisemitismus wächst

Es wird aber auch wahrgenommen, dass Antisemitismus ein Problem darstellt. Etwa 60 Prozent der Teilnehmenden an der Studie stimmten zu, dass Juden in Deutschland einem Gewaltrisiko oder Hass ausgesetzt sind. Immerhin jeder dritte Befragte würde gegen Antisemitismus auf die Straße gehen. Die große Mehrheit ist der Meinung, dass Antisemitismus zunimmt und das mit dem Erfolg rechter Parteien zusammenhängt.

Der Jüdische Weltkongress warnt, dass Antisemitismus in Deutschland einen Krisenpunkt erreicht habe. Der Präsident des JW, Ronald S. Lauder, sagte in der Süddeutschen Zeitung, die deutsche Gesellschaft müsse Position beziehen. Es sei an der Zeit, Demokratie und tolerante Gesellschaften zu verteidigen.

"Wir haben gesehen, was passiert, wenn einfache Leute weggeschaut oder geschwiegen haben. Es ist an der Zeit, dass die gesamte deutsche Gesellschaft Position bezieht und Antisemitismus frontal bekämpft."

Zunehmender Antisemitismus wird aber nicht nur in Deutschland beobachtet. Auch in den USA gibt es eine neue Studie, durchgeführt vom American Jewish Committee. Knapp 1300 Juden sind für diese Studie telefonisch befragt worden. Sie gaben vermehrt an, auf sichtbare Zeichen ihres Glaubens, wie die Kippa zu tragen, eher zu verzichten.

Antisemitismus in den USA

Über 80 Prozent gaben an, dass der Antisemitismus in den USA in den letzten fünf Jahren zugenommen habe. Diese Wahrnehmung wird durch zwei Attentate gestützt: Bei dem Anschlag auf die "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh (Pennsylvania) am 27. Oktober 2018 waren elf Gemeindemitglieder ums Leben gekommen. Am 28. April 2019 erschoss ein Attentäter eine Person in der Chabad-Synagoge der kalifornischen Kleinstadt Poway.