Im Durchschnitt haben deutsche Arbeitnehmer*innen 28,9 Urlaubstage. Unlimited Vacation, also unbegrenzter Urlaub ist jetzt der neueste Trend auf dem Arbeitsmarkt. Matthias von Lieben versucht herauszufinden, ob es sich bei diesem Konzept wirklich um einen Vorteil für uns handeln kann.

Das Investmentbanking Unternehmen Goldman Sachs hat gerade unbegrenzte Urlaubstage für ihre Führungskräfte eingeführt. Das Wohlbefinden und die Resilienz der Mitarbeitenden sollen dadurch gefördert werden. Die Firmengruppe entschied sich zu diesem Schritt, weil Junior Investment Banker im letzten Jahr auf die schlechten Arbeitsbedingungen und 120 Stunden Wochen hingewiesen hatten. Diesen Mitarbeitenden kommt die neue Regelung allerdings nicht zugute.

"Ich denke, es ist viel Symbolik dabei, weil es einfach in der Realität nicht stattfinden wird, und Menschen die sich beschwert haben erst mal nicht zugutekommen wird."
Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie

Wichtig bei dieser neuen Regelung der Urlaubstage ist auch, dass natürlich das normale Arbeitspensum trotzdem geschafft werden muss. Gerade in Berufsfeldern, bei denen ein hoher Leistungsanspruch herrscht, steigt aber ebenfalls der Konkurrenzdruck. Tabea Scheel erläutert, dass es durch diese Ausgangssituation in der Branche dazu führen kann, dass viel Urlaub zu nehmen negative Auswirkungen auf die Arbeitnehmenden hat. Daher empfindet sie diesen Schritt des Unternehmens als eine Symbolik nach Außen, eine positive Wirkung für die Mitarbeitenden bezweifelt sie jedoch.

Mehr Urlaub = mehr Stress

In Wirklichkeit haben Studien, unter anderem von Namley ergeben, dass Arbeitnehmer*innen unter neuen, flexiblen Urlaubsmodellen eher leiden. Zum einen wird weniger darauf zurückgegriffen Urlaub zu nehmen, als vorher. Zum anderen fördert so eine Regelung Stress. Es muss ja geregelt werden, ob so ein Urlaub und wie überhaupt möglich ist.

"Und jetzt zu sagen ihr könnt freiwillig so viel machen, wie ihr wollt, setzt ja voraus, dass die Leute überhaupt die Chance haben, inmitten ihrer Arbeitsaufgaben tatsächlich Urlaub machen zu können."
Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie

Selbst bei geregelten Urlaubstagen nehmen viele Arbeitnehmer*innen nicht mal diese Freizeit für sich. Die zusätzliche Möglichkeit der Selbstgestaltung von freien Tagen führt ebenfalls auch noch zu erhöhtem Organisationsdruck bei Arbeitnehmenden. Denn nur wenn sowohl das Pensum geschafft, als auch die Vorgesetzten und Kolleg*innen zugestimmt haben, kann der flexible Urlaub in der Realität überhaupt stattfinden. Die Verantwortung, die dabei auf einem liegt, ist mehr und führt laut Expert*innen schneller zu psychischen Krankheiten wie Burn-out.

Alternative Urlaubsregelungen

Für alle Goldman Sachs Mitarbeiter soll ab dem kommenden Jahr ebenfalls gelten, dass sie mindestens drei Wochen Urlaub machen. Was in Deutschland normal ist, ist in den USA innovativ. Hierzulande ist das Modell daher hinfällig, da gesetzlich mindestens 4 Wochen beziehungsweise 20 Urlaubstage festgelegt wurden.

"Also da gibt es viel mehr als diese rechtlichen Regelungen zu beachten, wie Unternehmen tatsächlich dafür sorgen müssen, dass ihre Leute sich erholen."
Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie

Tabea Scheel weißt darauf hin, dass es zwar ein guter Ansatz ist, Urlaubsregelungen optimieren zu wollen. Das gerade diese aktuellen Neuerungen aber zulasten der Arbeitnehmenden gehen. Sie fordert im Gegenzug Arbeitgebende dazu auf, ein gezieltes Management im Unternehmen einzuführen, welches gezielt für Ruhephasen und Urlaubszeiten sorgt. So eine Organisation würde dann zum Beispiel für klare, frühzeitige Vertretungsregelungen sorgen und auch darauf achten, dass Urlaubstage genommen werden. Studien besagen nämlich auch, dass Menschen die wirklich ihren Urlaub nehmen, effektiver und besser performen.