Hobbytaucher Peter Ferlemann war in Sachen Naturschutz in der Lippe unterwegs, als er plötzlich auf ein zehn Meter langes Boot stieß. Er kennt die Lippe seit Jahren gut und wusste sofort: Das ist etwas Besonderes.

Peter Ferlemann kartiert ehrenamtlich für die Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e.V. Unterwasserpflanzen in der Lippe. Das ist ein rund 220 Kilometer langer Nebenfluss des Rheins in Nordrhein-Westfalen. Der Taucher interessiert sich aber nicht nur für Pflanzen, sondern auch für Fische, Muscheln und was ihm sonst so Unterwasser begegnet.

"Egal, wo ich tauche, in einem See oder in der Lippe, es ist immer spannend, ich entdecke immer Neues."
Peter Ferlemann, Taucher

So war das auch im Sommer 2019, als Peter Ferlemann ein Stück Holz findet. Das Holzstück war lose, gehörte aber definitiv zu dem Boot, was daneben lag. Das Holzstück wurde im Labor untersucht.

"Das Schöne ist: Wir sind damals nochmal gezielt ins Wasser gegangen, um weitere Aufnahmen zu machen, und da haben wir ein weiteres loses Holzstück gefunden, mit dem sich bestätigen ließ, dass es wirklich ein altes Boot in der Lippe gewesen ist. Das ist schon eine Besonderheit."
Peter Ferlemann entdeckt 870 Jahre altes Boot in der Lippe

Dass es sich um eine Besonderheit handelt, war dem Taucher schnell klar, weil er gesehen hat, welche Dimension das Boot hat und dass ein Teil davon im Sand verschwindet. Schließlich kennt er die Lippe ziemlich gut, weil er sie seit vielen Jahren betaucht, sagt Peter Ferlemann. An vielen Stellen kenne er den Boden und die Beschaffenheit, deshalb konnte er seinen Fund sofort einordnen.

"Von der Größe her war das Boot schon beeindruckend."
Peter Ferlemann entdeckt mittelalterliches Boot in der Lippe

Dass das zehn Meter lange Boot jahrhundertelang unentdeckt blieb, wundert den Taucher nicht, denn die Lippe hat eine Trübung, durch die man etwas in 2,80 Meter Tiefe nicht erkennen kann. Somit war das Boot weder vom Ufer noch von der Wasseroberfläche her zu erkennen.

"Das wäre eine tolle Sache, wenn das Boot nach Lippstadt in ein Museum käme."
Peter Ferlemann entdeckt 870 Jahre altes Boot in der Lippe

Die Sensation ist erst in diesen Tagen öffentlich gemacht worden, weil bis dahin der Fund untersucht wurde, erklärt Peter Ferlemann. Für diese Untersuchungen ist der Archäologe Michael Baales verantwortlich. Er erklärt, dass der ganze Fund erst einmal von einem Fachbüro dokumentiert wurde, weil es in der Gegend keine Unterwasserarchäologen gibt. Letzte Tauchgänge sind vor wenigen Tagen erst abgeschlossen worden.

Strömung der Lippe droht Boot zu zerstören

Das Expertenteam wird einen Plan übergeben, sodass Michael Baales und seine Kollegen einen Überblick über den Zustand des Bootes haben. Auf Grundlage dieser Bestandsaufnahme werden sie dann entscheiden, wie es mit dem Boot weiter geht.

"Beobachtungen vor Ort zeigen, dass das Boot, so wie es da liegt, durch die natürliche Strömung der Lippe stark gefährdet ist. Es wird durch die Lippe zerfleddert."
Der Archäologe Michael Baales betreut den Fund

Schon jetzt ist klar, dass das Boot durch die Strömung der Lippe zerstört werden wird. Der Wasserdruck ist relativ stark, der auf das Boot wirkt, erklärt Michael Baales. An der Stelle ist die Lippe kanalisiert oder begradigt worden, wodurch die natürliche Strömung der Lippe stärker wurde.

Viele offene Fragen

Um das Boot zu erhalten, könnte es geborgen werden, aber das würde noch von anderen Faktoren abhängen, wie zum Beispiel der Finanzierung.

Nach der Bergung schließt sich die Frage an, wie das Boot konserviert werden kann, sagt der Archäologe. Dazu gehört auch die fachgerechte Restaurierung wie die Aufarbeitung der Hölzer, damit diese nicht zerfallen. Michael Baales geht davon aus, dass es sehr lange, große Hölzer sind, für die sie vor Ort nicht die Ausstattung haben. "Das ist einfach recht viel Holz", sagt Michael Baales. Nicht geklärt sei, wie die Restaurierung technisch durchgeführt werden könnte. Auch damit wir das später im Museum bestaunen können.

"Aus meiner Sicht, kommen wir an einer Bergung eigentlich nicht vorbei, wenn wir die Substanz, wie sie jetzt vorhanden ist, erhalten wollen."
Michael Baales, Archäologe

Bislang sei zu erkennen, dass der Schiffsrumpf nicht komplett sei, aber eine Bordwand sei in großen Teilen noch erhalten.

Einzigartiger und erhaltenswerter Fund

Aus archäologischer Sicht sei der Fund etwas Besonderes, weil er aus einer Zeit stammt, aus der deratig große Gegenständ kaum erhalten sind und weil davon große Teile vollständig seien.

"Das ist aus dem Mittelalter, 870 Jahre alt, das ist schon ein Ding, dass es noch so gut erhalten ist, das will man nicht kaputt gehen lassen."
Michael Baales, Archäologe

Der Fund ist nach Einschätzung des Archäologen einzigartig. Einen solchen Fund gab es in der Region noch nicht und ist für die Lippe erstmalig. Es wurden schon einmal Teile eines Flachbootes aus dem 16./17. Jahrhundert gefunden. Vom Mittelalter würde man aber nur ein paar grafische Aufzeichnungen kennen, Teile, die im Rhein geborgen worden sind, aber genau aus diesem Zeitraum, hätte man so gut wie keine Funde, "sodass wir hier eine Lücke haben, die wir mit diesem Boot schließen können."

Neue Erkenntnisse

Experten hat an dem Fund überrascht, dass die Bordwand sehr hoch ist und die Schiffsplanken sehr dick sind. Daraus lässt sich schließen, dass damit schwere Fracht transportiert wurde und das wiederum lässt Schlüsse auf die Warenströme von damals zu.

"Das wirft einen interessanten Blick auf die Warenströme von damals."
Michael Baales, Archäologe