Retten oder aussterben lassen? Wenn es um bedrohte Tierarten geht, ist die Antwort nicht immer einfach. Im Fall des nördlichen Breitmaulnashorns haben sich die Forschenden für die Rettung entschieden, da das Tier eine entscheidende Rolle im Ökosystem spielt.

68 Prozent der Tierarten sind seit 1970 weltweit ausgestorben, berichtet der WWF in seinem Living Planet Report 2020. Dazu zählen Vögel, Säugetiere, Fische, Amphibien und Reptilien. Viele weitere Tierarten auf unserer Erde sind bedroht, bald auszusterben.

Das nördliche Breitmaulnashorn als Schlüssel

Eine Schlüsselposition unter diesen Tierarten hat das nördliche Breitmaulnashorn. Forschende arbeiten seit fast zwanzig Jahren daran, ihr Aussterben zu verhindern. Denn: Das nördliche Breitmaulnashorn ist entscheidend für das Ökosystem, erklärt Thomas Hildebrandt, Leiter der Abteilung Reproduktionsmanagement am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung.

Bleibt das Nashorn am Leben, könne das auch Insekten, Vögel, Reptilien, kleine Antilope, Pflanzen und Tausende andere Arten vor dem Aussterben bewahren und damit retten.

Der Einfluss des Menschen

Ein Grund, warum ganze Tierarten aussterben, ist der Mensch. Vom nördlichen Breitmaulnashorn zum Beispiel gibt es aktuell nur noch zwei Weibchen: Najin und Fatu. Wegen ihrer Hörner fielen ihre Artgenossen der Wilderei zum Opfer.

Durch den Menschen ähnlich bedroht war eine Froschart, die sich in Rumänien angesiedelt hat, bis sie von einem Hautpilz befallen wurde, berichtet Thomas Hildebrandt. Durch den Pilz seien die Amphibien erstickt. Bislang vermuten Forschende, so der Reproduktionsmediziner, dass Menschen den Pilz in die natürliche Lebenswelt der Amphibien getragen haben. Die Folge: Innerhalb von zehn Jahren sind sie verschwunden.

Retten oder aussterben lassen

Geht es darum, bedrohte Tierarten vor dem Aussterben zu retten, ist das vor allem eine Sache der Abwägung. "Die Frage, dass wir Gott spielen und Arten aussterben lassen, kann ich leider nicht verstehen", sagt Thomas Hildebrandt. Vielmehr sei es eine Entscheidung darüber, wie Ressourcen aufgeteilt werden. Für die Rettung des nördlichen Breitmaulnashorns zum Beispiel spricht, dass damit viele andere Tierarten erhalten werden können.

"Im Fall des nördlichen Breitmaulnashorns konzentrieren wir uns auf eine Tierart, von der so viele andere Tierarten abhängig sind."
Thomas Hildebrandt, Leiter der Abteilung Reproduktionsmanagement am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung

Damit es in Zukunft nicht soweit kommen muss, fordert Thomas Hildebrandt einen verantwortungsvolleren Umgang mit der Erde. Dazu findet heute (30.09.2020) auch ein Gipfel der Vereinten Nationen (UN) statt. Im Vorfeld haben sich 60 Staaten dazu verpflichtet, Maßnahmen umzusetzen, um die biologische Vielfalt zu retten.