Bluthochdruck statt Stress, Depression statt Stimmungstief - Ärzte tricksen zunehmend bei der Diagnose auf Druck der Krankenkassen. 

Bei der Diagnose wird zunehmend geschummelt. Ärzte und Krankenkassen arbeiten da Hand in Hand. Die Journalistin Franziska Draeger ist der Meinung, dass diese Schummeleien zeigen, wie entfesselt unser Gesundheitssystem inzwischen ist. 

Im Zentrum des Betrugs steht: der sogenannte morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA). Gesetzliche Kassen sollten damit eigentlich entlastet werden, vor allem, wenn viele alte kranke Menschen in der Kasse versichert sind. Als Ausgleich bekommen gesetzliche Kassen für diese Kunden Finanzhilfen aus einem Gesundheitsfonds. Dieser Fonds wurde genau dafür angelegt, finanziert sich aus Beiträgen der Versicherten und Steuergeldern. Die Kassen drehen das System jetzt allerdings um.

Ärzte werden für bestimmte Diagnosen belohnt

Für einen Patienten mit einer bestimmten Diagnose bekommen die Krankenkassen bis zu 1.000 Euro mehr im Jahr. "Beim Arzt ist es so, dass er über bestimmte Verträge tatsächlich von den Kassen auch wieder belohnt wird, wenn er bestimmte Diagnosen gibt", erklärt Franziska Draeger, freie Journalistin, die das Thema für das Online-Magazin Krautreporter recherchiert hat. Generell gilt bei Ärzten, dass sie für bestimmte Diagnosen einfach mehr Geld von den Kassen bekommen – nicht nur dann, wenn sie diese Verträge unterschreiben.

Besonders lukrativ sind in diesem System Patienten, die auf dem Papier sehr krank sind, in der Realität jedoch nicht ganz so krank. Idealerweise brauchen sie dann auch nicht alle möglichen Therapien. Die Ärzte werden für ihre Arbeit nach bestimmten "Schlüsseln" bezahlt. Bei Krankheiten mit einem höheren Schlüssel geht das Gesundheitssystem davon aus, dass die Behandlung mehr Zeit kostet – der Arzt demnach mehr Geld bekommen muss.

"Besonders lukrativ sind in diesem System Patienten, die auf dem Papier sehr krank sind, in der Realität aber nicht ganz so krank."
Franziska Draeger, freie Journalistin

Es gibt eine Liste mit 80 Krankheiten, die eine Rolle spielen für den Fonds, aus dem die Krankenkassen mehr Geld beantragen können. "Manche Krankheiten hat man oder hat man nicht, wie HIV zum Beispiel – da gibt es keinen Spielraum", sagt Franziska, "aber dann gibt es auch Krankheiten, die liegen in einem Graubereich. Zum Beispiel Depressionen." Da ist es dann schwierig genau auszumachen: Ist es noch eine Verstimmung oder bereits eine Depression? Und genau solche Krankheiten verzeichnen einen hohen Anstieg. Bei Depressionen hat die Techniker Krankenkasse beispielsweise einen Anstieg um das Vierfache verzeichnet. "Es wird auch andere Gründe haben", sagt Franziska, "aber es liegt auch nahe, dass es zum Teil an diesem Fonds liegt."

Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse hat den Betrug sogar vor zwei Jahren zugegeben. Gegen ihn beziehungsweise seine Kasse wird deshalb inzwischen ermittelt. Die Reporter haben von anderen Kassen gar keine Antwort auf ihre Nachfrage bekommen und wiederum andere kommentierten die Recherche mit dem sehr allgemeinen Satz: "Naja, das System ist manipulationsanfällig."

Durch die Tricks wird das System geschädigt - und auch Patienten

Ein Arzt hat den Reportern erzählt, dass – als der Fonds eingerichtet wurde – ständig Mitarbeiter der AOK vorbeigekommen sind. Zunächst hat er sie immer rausgeschmissen, irgendwann hat der Arzt jedoch gemerkt, dass er dieses Schummelsystem auch ein Stück für sich nutzen und auf diese Weise manche Patienten besser behandeln kann.

Geschädigt wird also in erster Linie das System – und damit die Gesamtheit der Beitragszahler. Franziska Draeger ist bei ihrer Recherche allerdings auch auf Fälle gestoßen, wo Patienten dadurch geschädigt wurden. Sie erzählt von einem Patienten, der mit Kopfschmerzen zum Arzt gegangen ist. Als er später eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen wollte, war das nicht möglich, weil der Arzt damals die Diagnose "Depression" aufgeschrieben hatte. Der Mann klagt jetzt, hat aber kaum Chancen, weil es schwierig ist, nach so vielen Jahren noch nachzuweisen, was er damals tatsächlich hatte, als er zum Arzt ging.

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