Wie sicher ist unser Wissen? Wo sind unsere Erkenntnisgrenzen und wie gehen wir damit um? Diese Fragen haben die studierte Astrophysikerin und Philosophin Sibylle Anderl sehr häufig beschäftigt. Heute möchte sie ihr Wissen als Journalistin teilen.

Sollten wir nicht manchmal doch am Universum zweifeln? Eine Frage, die man von einer Astrophysikerin vielleicht nicht erwartet, von einer Philosophin allerdings schon. Sibylle Anderl ist beides. Als sie damals nach Berlin gezogen ist, wollte sie nicht sofort mit ihrem Physikstudium beginnen und hat sich alibi-mäßig für ein Jahr in die Philosophie eingeschrieben. Einige Vorlesungen besuchte sie dann allerdings doch und schnell wurde aus dem Alibi ein echtes Interesse und Sibylle Anderl beschloss, nicht nur Physik, sondern auch Philosophie bis zum Ende zu studieren.

Seit viereinhalb Jahren ist sie außerdem als Wissenschaftsjournalistin bei der Frankfurter Allgemeinen tätig. Bald wird sie auch in einer eigenen Sendung auf ARD-Alpha den großen Fragen rund um unser Universum nachgehen.

Astrophysik und Philosophie passen durchaus zusammen

Doch wie passt das zusammen – Astrophysik und Philosophie? Für Sibylle Anderl passt es sogar ziemlich gut zusammen. Über weite Strecken der Menschheitsgeschichte war es Gang und Gäbe, sich philosophisch Gedanken über den Kosmos zu machen, sagt sie. Denn Daten und Berechnungen, mit denen man arbeiten konnte, gab es damals kaum. Dennoch sei es erstaunlich gewesen, wie viel beispielsweise die Griechen in der Antike bereits herausgefunden hatten.

"Die Astrophysik ist die älteste Wissenschaft, die wir haben und sie hat aber traditionell sehr starke philosophische Anteile."
Sibylle Anderl, Astrophysikerin, Philosophin und Wissenschaftsjournalistin

Die Entfernung zwischen den beiden Fächern sei also im Kern nie besonders groß gewesen, und das gilt ihrer Meinung nach bis heute. Allerdings sind im akademischen Kontext Astrophysik und Philosophie ziemlich verschiedene Welten. Sibylle Anderl blieb nach dem Studium zwar der Philosophie treu, arbeitete dann aber hauptsächlich in der Astrophysik.

Wann es gut ist, zu zweifeln

Sie sagt aber auch: Selbst in der Physik würden auch pragmatische Forschende irgendwann nicht mehr an der Frage vorbeikommen: Was ist eigentlich Realität und an welchen Stellen täuschen wir uns? Eine bestimmte Skepsis in der Wissenschaft sei immer gut, sagt Sibylle Anderl.

"Eine bestimmte Skepsis in der Wissenschaft ist sehr gut. Und über diesen Umweg kommen dann selbst die pragmatischen Physiker zu der Frage: Was ist Realität und an welchen Stellen täuschen wir uns vielleicht?"
Sibylle Anderl, Astrophysikerin, Philosophin und Wissenschaftsjournalistin

Es gebe in der Physik sehr viel, das rein erschlossen wird. Dabei lag man in der Geschichte auch schon des Öfteren daneben, sagt sie. Beispielsweise der Äther, eine Substanz, die früher als Medium für die Ausbreitung von Licht gehalten wurde. Mit der Relativitätstheorie wurde aber klar, dass es den Äther gar nicht gibt.

In der Astrophysik sei das besonders spannend, sagt Sibylle Anderl. Da die Forschenden unser Sonnensystem nicht verlassen können und keine Experimente dort oben machen können, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich darauf zu verlassen, dass die Schlussmechanismen – die Methoden – funktionieren.

Was vor dem Urknall war

Eine Frage, die Sibylle Anderl immer wieder gestellt wird: Was war eigentlich vor dem Urknall? Warum wir uns diese Frage so häufig stellen, lässt sich wiederum ganz gut mit der Philosophie erklären: Wir Menschen denken immer in einer "Davor-Kategorie" und wenn uns gesagt werde, dass es kein "Davor" mehr gebe, sei das ein sehr unbefriedigendes Gefühl, mit dem wir nicht umgehen könnten. Genauso schwer würden wir uns mit der Vorstellung des Unendlichen aber auch des Endlichen in der Zeit tun.

"Was vor dem Urknall war, das können wir nicht beobachten, das werden wir nie beobachten können und insofern ist das eine echte Erkenntnisgrenze für uns Menschen."
Sibylle Anderl, Astrophysikerin, Philosophin und Wissenschaftsjournalistin

Das Problematische an der Frage "Was war davor?" ist also, dass wir davon ausgehen, dass es vor dem Urknall eine Existenz von Zeit gab. Allerdings ist mit dem Urknall erst die Raumzeit entstanden, was also die Frage nach einem "Davor" überflüssig mache. Das wäre so, wie wenn man fragen würde "Wo ist Norden?", wenn man am Nordpol stehe, sagt Sibylle Anderl.

Außerdem erklärt sie, wie klein die Erde sein müsste, um ein schwarzes Loch zu werden, was sie am Himmel über der Atacama-Wüste so sehr fasziniert und was Wissenschaft, Gesellschaft und Politik ihrer Meinung nach aus der Corona-Pandemie mitnehmen können. Dafür einfach oben auf das Audio klicken.