Astronomen weltweit machen sich Sorgen um eine Wüste in Chile. Ihre idealen Bedingungen machen die Atacama zum perfekten Astronomie-Standort – vor allem die Abgeschiedenheit von städtischer Lichtverschmutzung. Noch.
Wer den klarsten und dunkelsten Nachthimmel bewundern möchte, den wir auf der Erde sehen können, muss in die Atacama nach Chile reisen. Weltberühmt für ihren Sternenhimmel, ist sie ein wahres Paradies für Astronominnen und Astronomen.
"Astronomen freut es, wenn es dunkel ist und die Luft ruhig und dünn und kalt ist. Dann gibt es nämlich besonders wenig störende Luftverwirbelungen, die das Licht ferner Sterne ablenken und verzerren könnten."
Was die Atacama so besonders macht erklärt Wissenschaftsjournalist und Astrophysiker Michael Büker.
- Der Ort ist besonders abgelegen, es gibt dort außergewöhnlich wenige Siedlungen, kaum Industrie, und auch kaum Tourismus oder andere menschliche Aktivitäten.
- Mit mehr als 300 wolkenlosen Nächten im Jahr ist die Atacama-Wüste einer der trockensten Orte der Welt.
- Sie liegt rund 2000 Meter über dem Meeresspiegel, sodass die Luft dort vergleichsweise dünn ist und die astronomischen Aufnahmen dementsprechend weniger stört.
- Chile liegt auf der Südhalbkugel: Von dort ist der Blick frei auf das Zentrum unserer Milchstraße, in dieser Richtung liegen viel mehr Sterne als bei uns über der Nordhalbkugel.
"Wenn unsere Galaxis eine Stadt wäre, könnte man sagen: Hier in Europa schauen wir am Nachthimmel in den Hinterhof, während über der Südhalbkugel die Innenstadt liegt."
Doch durch die zunehmende Lichtverschmutzung ist genau dieses Paradies bedroht, sagen Forschende.
Astro-Paradies in Gefahr: Städte werden immer heller
Sterne, Supernovas und Galaxien werden durch Teleskope fotografiert. Der Aufwand, diese Geräte in eine abgelegene Wüste zu bringen, ist natürlich groß – doch er lohnt sich, sagt Michael Büker. Es sei ein "Unterschied wie Tag und Nacht".
Früher seien Sternwarten noch in der Nähe großer Städte gebaut worden, weil das praktisch war. Doch seit etwa 100 Jahren sind die Städte unaufhaltsam immer heller und heller geworden. Das Licht wird in der Luft in alle Richtungen gestreut – und überstrahlt dann die leuchtschwachen Sterne und Galaxien am Himmel, sodass diese praktisch unsichtbar werden.
"Man kann heute in einer Großstadt genauso wenig ernsthafte Astronomie betreiben, wie man Vogelstimmen untersuchen könnte, wenn man zwischen einer Autobahn und einer Großbaustelle stünde."
Weltraumteleskope können einiges, was Sternwarten und Observatorien am Boden nicht können. Leider sind sie aber eben auch extrem teuer, unflexibel in der Handhabung, und es gibt immer noch vergleichsweise wenige von ihnen.
Anlage für grüne Energie wird nicht in der Atacama gebaut
Das US-amerikanisches Energieunternehmen AES hatte im vergangenen Jahr angekündigt, in der Atacama-Wüste eine Anlage zu bauen, die grünen Wasserstoff und Ammoniak aus Sonnenenergie herstellt. An sichg kein schlechter Plan – bis auf den Standort, der nur knapp zehn Kilometer vom Paranal-Observatorium entfernt gewesen wäre, einem der wichtigsten Astronomie-Standorte der Welt.
Forschungsorganisationen und mehrere Nobelpreisträger meldeten sich zu Wort und warnten vor Lichtverschmutzung, aufgewirbeltem Wüstenstaub und Vibrationen, die ein großes Problem für die hochempfindlichen Teleskope hätten sein können.
Ergebnis: Das Projekt wurde Anfang 2026 abgeblasen.
"Chile räumt der Forschung einen hohen Stellenwert ein – auch weil der milliardenschwere Bau von Teleskopen große Investitionen in Infrastruktur und Arbeitsplätze in Chile mit sich bringt."
Die Gefahr für die Astronomie in Chile ist damit zwar fürs Erste gebannt – doch astronomische Organisationen weltweit wünschen sich von der Regierung und den lokalen Behörden in Chile klarere Regulierungen, um den dunklen Nachthimmel in der Atacama-Wüste dauerhaft zu bewahren.
Immerhin scheinen die Chancen dafür nicht schlecht zu stehen, sagt Michael Büker. Chile wisse um seine besondere Stellung in der Welt der Astronomie und räume der Forschung daher einen hohen Stellenwert ein – nicht zuletzt auch, weil der milliardenschwere Bau von Teleskopen natürlich große Investitionen in Infrastruktur und Arbeitsplätze in Chile mit sich bringe.
Umzug aus der Atacama praktisch undenkbar
Dass die weltweit führende Astronomie zur Not an einen anderen Ort auf der Erde umzieht, ist so gut wie unmöglich, sagt Michael Büker. Die fortschrittlichsten Teleskope der Welt kosten Milliarden Dollar und benötigen Jahrzehnte in der Planung und im Bau.
Damit ziehe man nicht mal eben in ein anderes Land um – zumal die Atacama-Wüste eben laut einer jüngsten Untersuchung von allen Observatoriums-Standorten der Welt den dunkelsten Nachthimmel bietet. Das ist also ein Standort, um den es sich aus Sicht der Astronomie zu kämpfen lohnt.
