Obwohl der Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen ist, kommt immer wieder die Diskussion auf, inwiefern Kernkraftwerke dem Klima nicht doch zugutekommen könnten. Fakt ist: Atomkraftwerke könnten die deutschlandweiten CO2-Emissionen reduzieren.

Der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland steht schon lange fest. Aktuell sind noch sechs Atomkraftwerke in Deutschland in Betrieb. Spätestens Ende 2022 geht das letzte Kraftwerk von ihnen vom Netz.

Ausstieg aus Atomkraft beschlossene Sache

Nach Fukushima 2011 ging der deutsche Ausstieg aus der Atomkraft schnell voran. An ihm wird auch nicht gerüttelt. Keine der im Bundestag vertretenen Parteien außer der AfD fordert, die Kernkraftwerke länger laufen zu lassen oder gar neue zu bauen.

Die AfD spricht sich gerade für die Atomkraftwerke aus und startet dazu in Sachsen eine Kampagne.

Sie fordert unter anderen den weiteren Betrieb der verbleibenden Kernkraftwerke. Ansonsten würde es bei der Stromversorgung zu Engpässen in Deutschland kommen. Die Atomkraftwerke würden auch helfen, das Klima zu schützen, so die AfD.

Akw sorgen für weniger CO2, bergen aber Risiken

CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet spricht davon, Deutschland hätte besser erst die klimaschädlichen Kohlekraftwerke abgeschaltet und anschließend die Atomkraftwerke.

Richtig ist, dass ein relevanter Teil des Stroms in Deutschland aus Braunkohlekraftwerken kommt, die viel CO2 ausstoßen. Dadurch sind sie mit die größten Klimaverschmutzer, die wir haben.

55 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr weniger

Im Vergleich dazu sind die Treibhausgase, die ein Atomkraftwerk verursacht, wesentlich geringer. CO2-neutral ist der Strom aus Atomkraftwerken laut Umweltbundesamt aber auch nicht. Das CO2 fällt hier vor allem beim Bau der Kraftwerke an, wenn dafür große Mengen Beton und Stahl benötigt werden, beim Uranabbau und bei der Endlagerung.

Würden alle sechs verbleibenden Atomkraftwerke weiterlaufen und stattdessen die klimaschädlichsten Braunkohlekraftwerke abgeschaltet werden – Deutschland also früher aus der Braunkohle aussteigen als 2038 – könnten dadurch ungefähr 55 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden. Das entspricht etwa sechs bis sieben Prozent der gesamten Emissionen Deutschlands.

"Das könnte man fünf bis acht Jahre lang so machen. Dann haben alle Atomkraftwerke, die bei uns derzeit in Betrieb sind, ihr Laufzeitende erreicht", sagt Georg Ehring aus der Deutschlandfunk-Redaktion Umwelt und Verbraucher.

Wohin mit dem Atommüll?

Dem Argument der eingesparten CO2-Emissionen stehen zwei Gegenargumente gegenüber: Einerseits ist Atomkraft eine Technologie, die riskant ist. Das haben die Reaktorkatastrophen in der Vergangenheit gezeigt. Andererseits ist weiter nicht geklärt, wo eigentlich der Atommüll hin soll.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung geht davon aus, dass bis 2080 insgesamt 10.500 Tonnen hochradioaktiver Abfälle entstehen, das ungefähr 27.000 Kubikmetern entspricht. Dazu kommen weitere rund 300.000 Kubikmetern schwach- und mittelradioaktive Abfälle.

Heute wird der hochradioaktive Atommüll in mehreren hundert Lagerbehälter, den sogenannten Castoren, deutschlandweit zwischengelagert. Für schwach- und mittelradioaktiven Abfall gibt es ein genehmigtes Endlager: den Schacht Konrad in Niedersachsen, ein altes Eisenerzbergwerk, das ab 2027 Atommüll aufnehmen soll.

"Die Zwischenlager werden immer voller. Und die Castor-Behälter sind nur für einige Jahrzehnte genehmigt. Es weiß auch keiner, wie lange die wirklich dicht sind. Das ist ein Problem, das man nicht unterschätzen sollte."
Georg Ehring, Deutschlandfunk-Redaktion Umwelt und Verbraucher

Neben der Frage nach der Endlagerung des radioaktiven Abfalls ist ein weiteres Argument gegen die längere Laufzeit von Atomkraftwerken: Sie wird gar nicht benötigt. Aus der Braunkohle können wir schon in zehn Jahren aussteigen, wenn nur konsequent und schnell die Energiequellen Wind, Sonne und Wasser inklusive entsprechender Stromtrassen und Speichermöglichkeiten ausgebaut werden.

Die Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken zu fordern, kann je nach Sichtweise also aus Ausrede angesehen werden, sich nicht konsequent genug um die Energiewende zu kümmern.

Auch scheint es bei der sehr geringen Akzeptanz der Kernenergie in Deutschland aktuell sowieso undenkbar, dass sie eine Renaissance erlebt.

Die Feststellung, dass Atomkraftwerke pro erzeugter Kilowattstunde Strom deutlich weniger CO2 erzeugen als Braunkohlekraftwerke, bleibt aber richtig.

Shownotes
Faktencheck Bundestagswahl
Was es bringen könnte, wenn die Atomkraftwerke weiterlaufen
vom 22. September 2021
Moderator: 
Paulus Müller
Gesprächspartner: 
Georg Ehring, Deutschlandfunk-Redaktion Verbraucher und Umwelt