Für viele Frauen in der Zwangsprostitution hatte die Corona-Krise einen positiven Nebeneffekt: Bordelle mussten schließen, der Ausstieg wurde einfacher. Sabine Constabel, Sozialarbeiterin und Vorsitzende bei Sisters e.V. erklärt warum das so ist.

Als im Frühling 2020 das öffentliche Leben wegen Corona beinahe so gut wie still gelegt wurde, waren davon auch die Bordelle und damit die Sexarbeiterinnen betroffen - bis heute. Sabine Constabel hat vielen Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, dabei helfen können, während der Corona-Krise in den vergangenen Monaten auszusteigen.

Vor allem Frauen aus Südosteuropa betroffen

"Die meisten Frauen in der Zwangsprostitution kommen aus Südosteuropa, da vor allem aus Rumänien", erklärt die Sozialarbeiterin. "Sie haben in Deutschland keinen Wohnsitz, keine private Wohnung und waren nicht angemeldet, sondern haben im Bordell oder im Bordellbetrieb gelebt", sagt sie. Sabine Constable ist auch Vorsitzende bei Sisters e.V.

"Die allermeisten Frauen sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt."
Sabine Constabel ist Sozialarbeiterin und Vorsitzende bei Sisters e.V.

Oft seien Bordelle eine Wohnung oder ein Club, zu dem noch Zimmer gehören. Als die Bordelle geschlossen wurden, hätten die Frauen im Prinzip ihren Wohnsitz verloren. Oft hätten sie dann dort noch eine zeitlang umsonst wohnen können – um abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt. "Als aber dann klar war, es wird in der Prostitution in Deutschland kein Geld mehr zu verdienen sein, sind sie heimgefahren", sagt die Sozialarbeiterin. Eine Rückkehr in die Heimat sei für viele Frauen jedoch schwierig.

Die Frauen würden meist nicht für sich arbeiten, sondern für die Familie, für einen Freund, für Zuhälter oder sogar eine ganze Gruppe an Zuhältern, die in den Herkunftsländern leben. "Und da sind sie dann hingefahren", sagt Sabine Constabel. Aber eben nicht alle. Einige Frauen haben die Corona-Krise als Chance gesehen. Vielleicht auch, weil sie sich bereits mit Möglichkeiten des Ausstiegs beschäftigt haben.

Das Geschäft der Zwangsprostitution

"Die Frauen halten diese seriellen Vergewaltigungen im Bordell nicht lange aus", sagt Sabine Constabel. Sie würden nach einiger Zeit deswegen auch weniger Geld verdienen, weil sie leiden und häufig dadurch krank werden. Sie haben ständig Bauchschmerzen, weil sie immerzu traurig seien und weinten.

In diesem Zustand würden die Frauen dann auch darüber nachdenken, wie sie der Situation entkommen könnten und wenden sich an Sabine Constabel oder Kolleginnen. Einfach in die Heimat zurückkehren, geht nicht, sagen die Frauen: "Da sitzen diejenigen, die mein Geld wollen. Und wenn ich da zurückgehe, dann bin ich in zwei Wochen wieder woanders zum Anschaffen."

Frauen sind mittellos und haben keine Ansprüche auf Sozialleistungen

Das Problem der Sexarbeiterinnen ist, dass sie – wenn sie in Deutschland arbeiten, ohne angemeldet zu sein – keinen Anspruch auf irgendeine Art von Unterstützung haben. Das heißt, wenn sie einfach aufhören für ein Bordell zu arbeiten, dann stehen sie in Deutschland ohne Wohnung und ohne Job da.

Diese Lücke will der Verein Sisters e.V. füllen und hilft zunächst mit einer Ausstiegswohnung. In Stuttgart hat der Verein zwei Wohnungen und eine weitere wird gerade in Berlin aufgebaut. Die Frauen müssen dort keine Miete zahlen, werden offiziell angemeldet und bekommen vom Verein auch noch einen Zuschuss zum Lebensunterhalt.

Außerdem werden sie dabei unterstützt, innerhalb von drei Monaten eine Arbeit zu finden. Sobald sie eine Beschäftigung haben, ändert sich auch ihr Leistungsanspruch. Sie können dann zusätzliche Unterstützung beim Jobcenter beantragen.

Wenn Bordelle schließen, lässt sich mit Frauen kein Geld mehr verdienen

Nach dem die Einnahmequelle für die Zuhälter aus der Zwangsprostitution versiegte, hätten viele das Interesse an den Frauen verloren. Für die Frauen war das die Gelegenheit auszusteigen und Hilfe zu suchen.

Aber auch wenn die Zahl der Aussteigerinnen in den vergangenen Monaten gestiegen sei, habe es dennoch Frauen gegeben, die – illegalerweise – weitergearbeitet hätten. Einerseits hätten sie sich dadurch strafbar gemacht und andererseits sind Frauen in der Prostitution einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, sich zu infizieren und auch das Virus weiterzutragen.

"Aus Infektionsschutzgründen ist es das Unvernünftigste, was man machen kann."
Sabine Constabel ist Sozialarbeiterin und Vorsitzende bei Sisters e.V.

Die Sozialarbeiterin kann es deswegen auch nicht verstehen, dass in NRW seit Anfang September und ab dem 15. September auch in anderen Bundesländern die Corona-Zwangspause in der Prostitution wieder beendet ist.