• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Viele Menschen steigen statt in die öffentlichen Verkehrsmittel ins eigene Auto – wegen der Pandemie. Die Folgen sind besorgniserregend gerade mit Blick auf den Klimaschutz. Mit guten Konzepten lasse sich der Trend umkehren, sagt die Verkehrsingenieurin Kathrin Viergutz.

Grundsätzlich bestätigt Kathrin Viergutz einen Trend zum Individualverkehrsmittel während der Pandemie. Verkehrsmittel, das wir nicht mit anderen teilen, werden in dieser Zeit häufiger benutzt. Dieser Trend betreffe das Auto und beispielsweise auch das Fahrrad, dieses allerdings etwas weniger während des Winters. Kathrin Viergutz ist Verkehrsingenieurin am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Braunschweig. Sie geht davon aus, dass Radfahren ab dem Frühjahr wieder beliebter werde. Gerade im vergangenen Corona-Sommer sei die Nachfrage nach Rädern so groß gewesen, dass es sogar zu Lieferengpässen kam.

"Man sieht, dass sich die Menschen nach anderen Mobilitätsalternativen umschauen, das muss nicht immer das Auto sein."
Kathrin Viergutz, Verkehrsingenieurin am DLR in Braunschweig

Wenn aber weniger Menschen Bus und Bahn fahren, dann geraten die Verkehrsbetriebe in finanzielle Schwierigkeiten. Kathrin Viergutz sagt, dass bereits an Konzepten gearbeitet werde, die den Wünschen nach Mobilität und Abstand zu den Mitreisenden gerecht werden. Es sind Abteilfahrzeuge im Gespräch, in dem beispielsweise Familien in einem Abteil fahren, das von außen betreten werden kann, ohne in Kontakt mit Mitreisenden zu kommen, sagt Kathrin Viergutz. "Ein bisschen wie eine Postkutsche früher."

Alte Attraktivitätsprobleme des ÖPNV

Zu den neuen Schwierigkeiten für den Öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) durch die Covid-19-Pandemie kommen auch alte Probleme wie mangelnde Attraktivität. Die rühre daher, dass viele öffentliche Verkehrssysteme und ihre Preissysteme zu kompliziert seien, Haltestellen seien schwer auffindbar oder es sei nicht klar, wann in eine andere Linie umgestiegen werden müsse.

"Viele Menschen fanden öffentliche Verkehrsmittel schon immer unattraktiv."
Kathrin Viergutz, Verkehrsingenieurin am DLR in Braunschweig

An diesen alten ÖPNV-Problemen müsse weitergearbeitet werden und nicht nur an den neuen Corona-Thematiken, fordert Kathrin Viergutz. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, um die Hürden abzubauen, die es den Menschen schwer machten, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass viele Menschen den ÖPNV nur noch dann nutzen, wenn es keine andere Möglichkeit gebe, sagt die Verkehrsingenieurin.

Einkommensschwache auf "Öffis" angewiesen

Oft handele es sich bei diesen Nutzenden um sogenannte Captive User, die auf den ÖPNV angewiesen sind, weil sie keine Alternative haben. Daneben gibt es die sogenannten Choice User, die in die Öffis einsteigen, weil sie sie gut finden. Wenn aber nur noch quasi zur Nutzung gezwungene mit dem ÖPNV fahren, dann würden die Einnahmen stark zurückgehen, sagt Kathrin Viergutz. Um das Angebot des ÖPNV aufrecht zu erhalten, müssten die Verkehrsbetriebe stärker mit Subventionen unterstützt werden.

Der Studie zur Mobilität in Zeiten von Corona des Sozialforschungsinstituts Infas und des Wissenschaftszentrums Berlin zufolge beträgt der Anteil des öffentlichen Verkehrs an allen
zurückgelegten Wegen bei Personen mit einem Nettoeinkommen bis 1300 Euro 15 Prozent. Bei Personen mit einem Einkommen über 2200 Euro liegt dieser Wert dagegen nur bei drei Prozent. Die Tendenz, dass vor allem Einkommensschwache den ÖPNV nutzen, hat sich der Studie zufolge in der Pandemie verstärkt.

"Die Öffis finanzieren sich hauptsächlich dadurch, dass sie von einer großen Menge Menschen genutzt werden. Dann lohnt sich der Betrieb."
Kathrin Viergutz, Verkehrsingenieurin am DLR in Braunschweig

Die Entwicklung jetzt, dass immer mehr Menschen, die Choice User, dem ÖPNV fernbleiben, könnte mit guten Angeboten wie Sharing- und Pooling-Modellen aufgehalten werden, meint Kathrin Viergutz. Das könnte die öffentlichen Verkehrsmittel stärken, die als Kombinationsverkehrsmittel von Bedeutung für Fuß-, Rad- oder Carsharing-Verkehr sind.

Aber nicht nur in Deutschland auch in anderen Ländern, nutzen die Menschen den ÖPNV weniger, obwohl Studien in Frankreich, Japan und Österreich während der ersten Pandemiewelle gezeigt haben, dass es aufgrund von Abstandhalten und Masketragen keine größeren Coronavirus-Ausbrüche in Bussen oder Bahnen gab.

Weltweite Zunahme des Autoverkehrs

Obwohl Verkehrsbetriebe und Transportgesellschaften viel zur Verbesserung des Infektionsschutzes unternommen haben, ist es vielerorts bislang nicht gelungen, die Menschen wieder in dem Ausmaß für öffentliche Verkehrsmittel zu gewinnen wie vor der Covid-19-Pandemie. Die New Yorker Verkehrsbehörde Metropolitan Transportation Authority (MTA) hat 2019 mehr als eine Milliarde Menschen bewegt. Anfang 2020 sind die Fahrgastzahlen im Jahresvergleich um bis zu 93 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig sind die Neuzulassungen von PKWs in der Stadt um 18 Prozent über das Niveau von 2019 gestiegen.

Autofahrende, die vor der Coronavirus-Pandemie bereit waren, das eigene Auto stehen zu lassen und stattdessen mit dem Bus oder der Bahn zu nutzen, fahren jetzt wieder selbst und haben auch wieder mehr das Gefühl, auf das eigene Auto angewiesen zu sein.

Laut einer Umfrage in Großbritannien würden nur 43 Prozent der Befragten ihr Auto weniger benutzen, wenn das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs verbessert würde. Das ist der niedrigste Wert seit 2002 bei dieser Frage. Offen ist, ob dies eine grundlegende Verhaltensveränderung ist oder nur eine vorübergehende Erscheinung.

Jüngere Generation mit Tendenz zum eigenen Auto

Bemerkenswert ist, dass die Generation Z, also die zwischen 1997 und 2012 Geborenen, eigentlich eher die Sharing-Generation, sich stärker für ein eigenes Auto interessiert. Das zeigen die Daten von Auto Trader, eines britischen Automarkplatzes im Netz. Zwischen Juni und September 2020 waren 15 Prozent der Besucher der Website zwischen 18 und 24 Jahren alt. Im gleichen Zeitraum 2019 waren es in dieser Altersgruppe nur sechs Prozent. Ändert sich die Einstellung in der jüngeren Generation hinsichtlich eines eigenen Autos? Auch in Deutschland boomt der Gebrauchtwagenmarkt und die Neuzulassungen sind in den letzten Wochen ebenfalls gestiegen.

Trotz Bewusstsein für Klimakrise mehr Autofahren

Überraschend sind die Ergebnisse einer Umfrage des YouGov-Cambridge Globalism Project unter 26.000 Menschen aus 25 Ländern:

  • Für die Mehrheit ist klar, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist.
  • Die Umfrage, die zwischen Juli und August 2020 durchgeführt wurde, hat jedoch auch ergeben, dass die Mehrheit der Befragten in Zukunft mehr Auto fahren will als früher.
  • In Brasilien sind 88 Prozent der Befragten überzeugt, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Etwa 60 Prozent derselben Personen geben an, dass sie nach der Pandemie ihr Auto mehr als zuvor nutzen würden, während nur zwölf Prozent es weniger nutzen würden.
  • Mehr als 40 Prozent der Befragten in den USA und Australien geben an, nach der Pandemie mehr Auto zu fahren, während nur zehn Prozent weniger Auto fahren würden.

Staus, Staus, Staus

Diese veränderte Einstellung zeigt sich bereits jetzt schon auf den Straßen. Der Autoverkehr hat an einigen Orten bereits das Niveau vor der Pandemie überschritten.

Die ausführlichen Daten weltweit hat Mark Johanson für den BBC-Artikel "Why our reliance on cars could start booming" recherchiert.