Fynn Kliemann, Elon Musk – von vielen Seiten wird gerade der Begriff "woke" kritisiert. Autorin Jagoda Marinić hat mit beiden Seiten ein Problem: Mit der, die die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs missachtet und der, die in eine Super-Wokeness abgerutscht ist und damit den Diskurs eher erstickt als weiterbringt.

Laut Dudendefinition bedeutet woke: "In hohem Maße politisch wach und engagiert gegen Diskriminierung." Buchautorin Jagoda Marinić, die selbst gezielt auf Missstände hinweist, sieht einige Handlungen aus der woken Szene mittlerweile selbst kritisch. Für sie gebe es inzwischen "woke" und "super-woke" Menschen.

"Ich bin auch selbst ein bisschen kritisch mit dem Begriff. Es gibt inzwischen woke und super-woke."
Jagoda Marinić, Buchautorin

Erstmals verwendet wurde der Begriff "woke" Anfang, Mitte des 20. Jahrhunderts von Afroamerikaner*innen, die mit dem Begriff ein Bewusstsein für soziale Unterdrückung, für Rassismus und Ungerechtigkeit schaffen wollten. Woke kommt vom englischen Wort awake, also wach sein – wach gegenüber Missständen in der Gesellschaft.

Im Laufe der Jahre hat sich woke dann auch in der Popkultur ausgebreitet, wurde Gegenstand von Songs und Gedichten. 2014 wurde der Begriff dann durch die Black-Lives-Matter-Bewegung breiter bekannt.

Zu viel der Cancel Culture

Doch mittlerweile hat bei vielen in der Gesellschaft das Woke-Sein eine negative Konnotation bekommen. Jagoda Marinić konnte durch die vergangenen zwei Jahre Corona-Pandemie, während der wir alle viel Zeit mit dem Smartphone verbracht haben, einen Wandel beobachten: Wenn täglich Menschen für Aussagen oder Handlungen gecancelt würden, wäre das irgendwann zu viel. Gerade jetzt, wo es so viele Krisen gebe, seien viele vom Mittel des Outcallings genervt.

"Oft werden legitime Dinge angeprangert, aber die Mittel gehen vielen mittlerweile auf die Nerven, weil so viele Restnerven hat einfach niemand in einer Zeit, in der es so viele Krisen gibt."
Jagoda Marinić, Buchautorin

Natürlich gebe es Argumente, die in den Diskursen über Minderheiten nicht akzeptiert werden könnten, dennoch sieht Jagoda Marinić es sehr kritisch, wenn man sich auf Twitter so angehe, als könne man sich sachlich überhaupt nicht mehr austauschen.

Erst zuhören, dann in den Diskurs gehen

Eine Demokratie, in der Menschen nicht für Minderheiten auf die Straße gehen oder sich einsetzen, könne man angesichts unserer aktuellen Missstände vergessen, sagt Jagoda Marinić. Doch gleichzeitig soll auch der Pluralismus in der Demokratie aufrechterhalten werden, man muss in den Dialog gehen, muss anderen zuhören.

"Eine Demokratie, in der nicht für Minderheiten gekämpft wird, kannst du vergessen angesichts unserer Missstände. Gleichzeitig will ich eine Demokratie, in der Pluralismus herrscht."
Jagoda Marinić, Buchautorin

Wenn allerdings immer wieder eine Gruppe anderen vorschreibt, was richtig und was falsch ist, ohne die Gegenseite anzuhören, sei das problematisch. Auch Jagoda Marinić hat für diese Einsicht etwas gebraucht, gibt sie zu und zitiert dazu den ehemaligen Präsidenten Barack Obama: "Demokratie heißt, sich in den Schlamm zu werfen und mit allen zu reden."