Es gibt viele Bahnhöfe, an denen man sich abends ziemlich unwohl fühlt – weil sie dunkel und verlassen sind. Neue Konzepte und Apps sollen das Sicherheitsgefühl nun verbessern.

Die "Allianz pro Schiene" hat gerade den Coburger Bahnhof zum "Bahnhof des Jahres" gekürt. Kriterien für diese Auszeichnung sind einerseits, dass der Ort als Bahnhof funktional ist, dass Reisende schnell an alle nötigen Infos kommen oder dass es genügend Park- und Fahrradabstellplätze gibt, andererseits spielt es aber auch eine Rolle, ob der Bahnhof ein Ort ist, an dem man sich gerne aufhält. In Coburg tragen Stuckdecken und Holzbänke dazu bei, dass die Wartehalle nicht nur einen Zweck erfüllt, sondern geradezu einladend ist.

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Kristin Mockenhaupt über den "Bahnhof des Jahres"
"Als ich den Coburger Bahnhof gesehen habe, dachte ich: 'Das ist ein Bahnhof? Schicki, schicki, Leute!'"

Viele Bahnhöfe in Deutschland sind weit vom Vorbild in Coburg entfernt. Was ein Bahnhof braucht, damit wir uns dort sicher oder zumindest einigermaßen wohlfühlen können, weiß Johannes Maaser vom Ordnungsamt der Stadt Marburg. Er ist zuständig für den Bereich Gewaltprävention und hat eine Checkliste mitentwickelt, mit der das subjektive Sicherheitsempfinden im öffentlichen Raum gestärkt werden soll.

Die Checkliste ist an das sogenannte Broken Windows Modell angelehnt. Auch Stadtplanende oder präventive Polizeiarbeit orientieren sich an diesem Modell. Das Bild der zerbrochenen Fensterscheiben steht symbolisch dafür, dass bestimmte Faktoren dafür sorgen, ob Menschen ihr Umfeld als sicher oder unsicher bewerten.

"Menschen brauchen Übersicht, um das Risiko, was sie vielleicht erwartet, überhaupt selber einschätzen zu können."
Johannes Maaser vom Ordnungsamt der Stadt Marburg

Verlassene Gebäude mit zerbrochenem Fensterglas, zerstörte Objekte oder einfach auch Müll und ungepflegte Anlagen signalisieren in diesem Zusammenhang: Hier kümmert sich niemand. Hier ist es egal, was ich mache. Auf der anderen Seite sorgen diese Störfaktoren auch dafür, dass Menschen sich an solchen Orten weniger wohl und sicher fühlen.

Was es an Bahnhöfen braucht:

  • Personal
  • Sicherheit
  • Übersicht

Damit Menschen an einem einsamen Bahnhof Übersicht haben, brauche es klare Sichtachsen. Und keine dunklen Ecken, Hecken oder große Container, hinter denen man potenziell eine andere Person vermuten könnte, erklärt Johannes Maser. "Habe ich am besten in jede Richtung eine klare Blickachse, wo jetzt keine Müllcontainer oder große Hecken meine Sicht einschränken und ist das Ganze so beleuchtet und übersichtlich, dass ich mich orientieren kann?;" erklärt er.

Licht und Sicht sind wichtige Punkte für Bahnhöfe. Unbeleuchtete Tunnelunterführungen beispielsweise sind das absolute Gegenteil dieser Theorie und sorgen häufig schon tagsüber für ein mulmiges Gefühl.

Sicherheitstests am Berliner Bahnhof Südkreuz

Der Berliner Bahnhof Südkreuz im Bezirk Schöneberg-Tempelhof ist ein moderner, tagsüber stark frequentierter S- und Fernbahnhof, der sich über zwei Etagen erstreckt. Die Deutsche Bahn und die Bundespolizei haben ihn als "Sicherheits-Bahnhof" gelabelt und probieren dort Konzepte, wie etwa die Gesichtserkennung per Kamera, aus.

Auch die App "Safe Now" wird am Südkreuz derzeit getestet. Per Klick verspricht sie schnelle Hilfe durch die Sicherheitskräfte vor Ort. Und das funktioniert so: Ein großer blauer Button mit Standort-Pin auf dem Smartphone-Display markiert den Sicherheitsknopf, der nach dreisekündigem Drücken den eigenen Standort ans Sicherheitspersonal der Bahn sendet.

Notfallknopf für schnelle Hilfe

Im Bahnhof Südkreuz wird die Safe-Now-App mehrmals täglich benutzt, sagt Start-up Gründer Tilman Rumland. "Wir planen gerade zusätzlich noch in den Shops selber einen fix installierten Button anzubringen", sagt er. In den Geschäften am Bahnhof sollen so Mitarbeiter*innen schneller die örtlichen Security im Bahnhof erreichen können.

Apps wie Wayguard oder Kommgutheim funktionieren ähnlich wie Safe Now: Man kann Freund*innengruppen erstellen, die über den eigenen Standort informiert werden und auch über einen möglichen Notfall.

Die Apps sind kostenlos, haben aber – zumindest im Fall von Safe Now – ihren Preis, sagt Netzaktivistin Lilith Wittmann. Sie hat analysiert, wie die App mit den Servern kommuniziert: "Im Fall von Safe Now haben wir festgestellt, dass die App sobald sie offen ist, die Position der Leute im Sekundentakt an die Server des Anbieters übermittelt." Die Netzaktivistin findet diese Daten-Sammelei unnötig.

"Um 23 Uhr war hier niemand mehr außer dem Sicherheitspersonal. Ich hab mich aber trotzdem nicht unsicher gefühlt. Das lag weder an den Kameras, noch an der App in meiner Tasche."
Netzaktivistin Lilith Wittmann

Sie kennt den Bahnhof und sagt, auch nach 23 Uhr am Abend habe sie sich hier sicher gefühlt. Das liege aber nicht an der App in der Tasche, "sondern daran, dass alles gut einsehbar ist und beleuchtet ist und dass ich das Gefühl hatte, ich kann Passant*innen ansprechen."

Auch Johannes Maaser vom Marburger Ordnungsamt sieht die Apps eher als psychologische Stütze. Auch Kameras hätten in Bezug auf Gewaltdelikte keine abschreckende Wirkung, "weil es in der Regel dann Affekt-Taten sind die im öffentlichen Raum begangen werden", sagt er.

Sicherheitspersonal, Polizei, die eigene Peer-Group, Apps, Notfallsäulen und Kameras können das subjektive Sicherheitsgefühl nur bis zu einem gewissen Punkt erhöhen. Aber ein städtebauliches Konzept, in Bezug auf gute Beleuchtung und freie Sichtachsen können sie nicht ersetzen.