In Krankenhäusern sind sie gefürchtet: Multiresistenten Keime, gegen die kaum ein Antibiotikum mehr wirkt. Forschende in den USA konnten jetzt einem Menschen helfen, indem sie Bakteriophagen eingesetzt haben.

Es gibt nicht nur Viren, die es auf uns Menschen abgesehen haben, sondern es gibt auch Viren, die Bakterien attackieren, sogenannte Bakteriophagen. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "Bakterienfresser". Meist werden sie einfach nur Phagen genannt.

"Bakterien sind im Schnitt so hundertmal größer als Viren."
Julia Polke, Medizinjournalistin

Das Gute an der Sache ist, dass es bestimmte Phagen gibt, die sehr spezialisiert sind, zum Beispiel auf eine Bakterienart, manchmal sogar nur auf den Stamm einer Art. Wenn man die entsprechenden Phagen hat, kann man sie also ganz gezielt einsetzen.

Phagen nutzen Bakterien als Wirt

Die Viren gelangen über bestimmte Andockstellen auf der Hülle der Bakterien in die Zelle, also in das Bakterium. Wenn sie erst einmal drinnen sind, bringen die Viren das Bakterium dazu, die Erbinformation des Virus herzustellen. Daraus entstehen viele Kopien des Phagen, also neue Phagen. Und die sorgen schließlich dafür, dass das Bakterium platzt.

Dann sind die Phagen frei und suchen sich wieder ein neues Bakterium als Wirt. "Das geht so lange, bis es keine Bakterien mehr gibt. Dann gibt es auch keine Wirte mehr für die Phagen und der menschliche Körper baut den Bakterienschrott und die restlichen Phagen ab", erklärt Wissenschaftsjournalistin Julia Polke.

"Und genau das hat in Boston bei einem Patienten funktioniert, dem es echt richtig schlecht ging"
Julia Polke, Medizinjournalistin

Der 56-jährige Patient hatte Arthritis, rheumatische Gelenkentzündungen, die durch das eigene Immunsystem ausgelöst werden. Der Körper bildet dann Antikörper gegen bestimmte Bestandteile des Gelenks. Es ist extrem schmerzhaft und macht die Gelenke steif. Der Mann hat deswegen Medikamente bekommen, die das Immunsystem unterdrücken. In der Folge war er also besonders anfällig für Krankheitserreger. Außerdem hatte er in den vergangenen Jahren diverse andere Medikamente bekommen, darunter auch Antibiotika. Schließlich machte sich bei ihm ein multiresistentes Bakterium breit, gegen das fast gar kein Antibiotikum mehr wirkt und das schwere Hautentzündungen auslöst.

Experiment: Phagentherapie

Weil dem Mann nichts half, hat man sich für ein Experiment entschieden: eine Phagentherapie. Zunächst wurde der Mann operiert. Ärzt*innen haben Teile der schweren Entzündungen entfernt. Dann haben die Forschenden – anhand der Bakterien, die sie bei dem Patienten gefunden haben – passende Phagen gesucht, die er zusammen mit Antibiotika bekommen hat.

Der Patient hat zwar Antikörper gegen die Phagen gebildet und er hatte auch ein bisschen mit Fieber zu kämpfen, aber schließlich haben sich die Entzündungen gebessert und die Bakterien sind verschwunden.

"Weltweit sterben schätzungsweise mehr als eine Million Menschen an den Folgen einer Infektion mit multiresistenten Keimen. Vor allem da, wo die gesundheitliche Versorgung nicht so gut ist und man nur schwer an Reserve-Antibiotika rankommt."
Julia Polke, Medizinjournalistin

Es war das erste Mal, dass Phagen gegen dieses spezielle Bakterium eingesetzt wurden. Grundsätzlich ist die Wirkung von Phagen bereits seit mehr als 100 Jahren bekannt. Sie werden jedoch noch sehr selten in der Medizin eingesetzt. "Vor allem in der westlichen Welt werden sie eher nur für solche Einzelfallbehandlungen eingesetzt und im Rahmen von Studien. Dabei wäre das Potenzial riesig", sagt Julia Polke.

Phagen können bisher nur selten eingesetzt werden

Phagen sind auf ein bestimmtes Bakterium spezialisiert, die Erforschung und Entwicklung von Bakteriophagen ist deswegen extrem aufwendig. "Der rechtliche Rahmen der Arzneimittelherstellung in Europa gibt es derzeit noch nicht her, dass man ein Phagenmedikament schnell verändern kann – und das wäre wichtig für die Anwendung", sagt Julia Polke. Die Qualitätsstandards müssen sehr hoch sein und dafür braucht es große klinische Studien, in denen man die Verträglichkeit und Wirksamkeit der Phagen nachweisen kann. Und diese Studien sind teuer.

In Deutschland gibt es inzwischen aber einige Forschungsprojekte, in denen praktische Lösungen gefunden werden sollen, Phagen bei der Behandlung von Infektionen durch multiresistente Keime öfter einzubeziehen.