Wenn wir barfuß laufen, spüren wir besser, welche Bewegungen uns gut tun – und welche nicht. Barfuß-Coach Ben Grümer erklärt, worauf wir achten sollten, wenn wir loslegen wollen.

Schuhe ausziehen, Socken runter und loslaufen – Barfußgehen könnte so einfach sein, trotzdem machen wir es viel zu selten. Barfuß-Coach Ben Grümer rät, es ruhig öfter mal zu machen. Ab und an keine Schuhe zu tragen, bringe schon viel für unser Körpergefühl, sagt er. Denn gerade zu unseren Füßen haben wir oft kaum einen Bezug.

"Barfuß zu gehen, ist eine wunderbare Möglichkeit, den eigenen Körper wieder zu spüren."
Ben Grümer, Barfuß-Coach

Wenn wir barfuß laufen, schlagen wir eine Brücke zu unserem Körper, aber auch zur Natur. Das liegt zu einen schon daran, dass wir ohne Schuhe kleinere Schritte nehmen und langsamer gehen müssen, sagt der Experte. In gepolsterten Laufschuhen oder Sneakern können wir großspurig über unsere Fersen hinweg rollen, ohne etwas zu spüren. Das kann langfristig zu Bewegungsmustern führen, die sich beispielsweise aufs Knie oder den Rücken auswirken.

Moderne Schuhe: Schick, aber entgegen unserer Physionomie

Wie bei anderer Kleidung auch, geht es bei vielen Schuhen heute vor allem um das optische und weniger um ein möglichst fußfreundliches Design. Die modische Evolution des Schuhs hat einige Merkmale ausgeprägt, die für unsere Füße aber weniger angenehm sind, so der Experte.

Die meisten Schuhe laufen vorne an den Zehen spitz oder gerade zu – obwohl unser Fuß dort am breitesten ist. Das drückt unsere Zehen zusammen, vor allem den großen und den kleinen Zeh. Das hat Folgen: Wir verlieren an Stabilität, weil der große Zeh in der unnatürlichen Position die Gelenke und Hüfte nicht so stabilisieren kann, wie er sollte.

Fast jeder Schuh hat ein wenig Absatz

Bei Schuhen mit Absatz liegt der Vorfuß etwas tiefer als die Ferse. Das gilt nicht nur für High-Heels: Auch bei einem Laufschuh sitzt die Ferse rund einen Zentimeter höher als die Zehen. Diese Erhöhung drückt unseren Körper etwas aus der Balance. Doch der Experte entwarnt: Dramatische Folgen hat das zwar nicht, auswirken kann es sich langfristig aber schon.

"Zu Beginn ist ganz wichtig, auf den eigenen Körper zu hören und jedes Pieksen oder leichte Schmerzen an Sehnen oder Muskeln wahrzunehmen."
Ben Grümer, Barfuß-Coach

Wer mehr barfuß laufen möchte, sollte gerade zu Beginn die Signale ernst nehmen, die der eigene Körper sendet und sein Training daran anpassen. Je nachdem, wo es drückt, zieht oder schmerzt, ist es sinnvoll, den großen Zeh zu trainieren oder die Wade richtig auszurichten und die Muskulatur dort zu stärken. Verschiedene Fußfehlstellungen, die sich über die Jahre gebildet haben, sollten wir dabei angehen und mit unserem Körper arbeiten.

Dieses Training dauert: Unser Experte empfiehlt, sich etwa zwei Jahre Zeit zu nehmen, bevor es barfuß einen Berg oder Ähnliches hochgehen soll.

"Wir Menschen sind intelligente Anpassungssysteme. Wir haben uns über Jahrzehnte an Schuhe gewöhnt, sie also von heute auf morgen wegzulassen, funktioniert nicht ohne eine Anpassungsphase."
Ben Grümer, Barfuß-Coach

Schuhe tragen, viel sitzen, wenig bewegen: An diese Umstände gewöhnt sich unser Körper und passt sich an. Deshalb erfordert es auch eine lange Umgewöhnungszeit und Training, um den Körper fürs Barfußlaufen fit zu machen. Bei diesem Prozess unterstützt Ben Grümer seine Klienten. Das bedeutet vor allem, den individuellen Status zu checken und darauf aufbauend ein Training zu entwickeln.

Fußfehlstellungen oft eine Motivation

Vor allem Menschen mit Fußfehlstellungen melden sich bei Ben Grümer. Das kann der klassische Hallux Valgus sein, aber auch Entzündungen in der Fußsohle oder Symptome im Sprunggelenk oder im Knie. Oft sind diese Gründe mit einer Leidensgeschichte verbunden. Der Körper sendet klar das Signal: Hier müssen wir etwas ändern.

"Ich habe früher viel mit Laufschuhen gearbeitet und hatte öfter Verletzungen im linken Knie. Die Kombi aus Verletzung und Schuhen hat mich motiviert, mich mit anderen Systemen auseinanderzusetzen."
Ben Grümer, Barfuß-Coach

Ben Grümer selbst hat jahrelang mit Laufschuhen gearbeitet und sich im Studium vor allem damit auseinandergesetzt. Später hatte er mehrfach Probleme mit dem linken Knie und hat nach den Gründen dafür gesucht. Er hat sich viel mit natürlicher Bewegung beschäftigt und schließlich eine Ausbildung zum Barfuß-Coach gemacht. Seitdem begleitet er Menschen, die ebenfalls möglichst oft auf Schuhe verzichten wollen.

Ben Grümer sagt, es muss nicht immer und ständig sein, auch ab und an barfuß zu laufen, sensibilisiert uns für unseren Körper und kann uns Hinweise auf Verletzungen oder Fehlstellungen geben.

  • Moderator:  Basti Schmitt
  • Gesprächspartner:  Ben Grümer, Barfuß-Coach