Wenn es um schwierige, moralische Fragen geht, dann schaltet sich unser Ekelgefühl ein. Das haben Forschende in einer neuen Studie herausgefunden. Lange war unklar, ob Ekel oder doch der Schmerz mit dem Moralgefühl zusammenhängen.

Wie moralische Entscheidungen mit körperlichen Empfindungen zusammenhängen, haben bereits einige Studien untersucht. Dabei haben sich die Forschenden den Zusammenhang zwischen dem Treffen schwieriger Entscheidungen und körperlichen Empfindungen mit einer Art Überlebensreflex erklärt.

Ekel oder Schmerz?

Es ließ sich aber nicht eindeutig klären, ob die Entscheidungsfindung mehr mit dem Ekel- oder dem Schmerzgefühl zusammenhängt. Denn beides sind starke, überlebenswichtige Gefühle. Sie verhindern beispielsweise, dass wir uns an vergammeltem Essen vergiften oder auf eine heiße Herdplatte fassen.

In der neuen Studie, veröffentlich im Fachmagazin Science Advances, haben Forschende aus der Schweiz und den USA herausgefunden, dass moralische Dilemmata mit unserem Ekele- und nicht mit unserem Schmerzempfinden zusammenhängen. Auf neuronaler Ebene sind Moral und Ekel miteinander verbunden, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Wiebke Lehnhoff.

"Auf neuronaler Ebene hängt unser Moralempfinden zusammen mit der Sinneswahrnehmung Ekel."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die Forschenden haben zunächst Schmerzreize und unangenehme Gerüche
so abgestimmt, dass sie auf einem vergleichbaren Level waren. Daraufhin haben sie 60 Probandinnen und Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe hat einen normalen Text, die anderen Gruppe einen Text mit einem moralischen Dilemma zu lesen bekommen.

Mehr Dilemma, mehr Ekel

Unter anderem haben sie die Geschichte des Zugdilemmas gelesen: Eine Gruppe von fünf Menschen liegt festgekettet auf einem Bahngleis und der Zug droht sie zu überfahren. Man kann sie retten, indem man eine andere Person von einer Brücke schubst, damit ihr Körper die Weichen des Zuges verstellt. Das Dilemma ist also: Tötet man aktiv eine Person, um fünf Leben zu retten oder lässt man passiv fünf Personen sterben.

Nach den Lektüren sind die Probandinnen und Probanden Schmerzreizen oder ekligen Gerüche ausgesetzt worden. Dabei kam heraus: Die Studienteilnehmenden, die sich mit einer moralischen Frage auseinandergesetzen, empfinden die unangenehmen Gerüche deutlich ekliger als die Teilnehmenden mit einfachen Texten. Bei den Schmerzreizen haben sich keine Unterschiede zwischen den beiden Versuchsgruppen gezeigt.

"Die Teilnehmenden, die sich vorher mit dem moralischen Dilemma auseinandersetzen mussten, fanden hinterher die unangenehmen Gerüche viel ekliger als die Leute, die einen neutralen Text gelesen hatten."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Um ihre Erkenntnisse zu untermauern, haben die Forschenden noch eine zweite Studie durchgeführt, in der sie bei gleichem Versuchsablauf gemessen haben, ob im Gehirn der Versuchsteilnehmenden eine Reaktion auf Ekel oder Schmerz stattfindet. Tatsächlich wurden die Hirnregionen aktiv, in denen schlechte Gerüche verarbeitet werden.