Schrill piepende Apparate und brummende Maschinen - das ist der anstrengende Soundtrack der Krankenhäuser. Wissenschaftler und Künstlerinnen arbeiten deshalb daran, Alarme durch melodische Klänge zu ersetzen, um Patienten und Personal zu entlasten.

Als die Pianistin und Komponistin Yoko Sen im Jahr 2012 schwer krank wurde, musste sie regelmäßig und über eine längere Zeit immer wieder ins Krankenhaus. Dabei fiel ihr eines sofort auf: Die dichte und vor allem anstrengende Klangkulisse des Krankenhauses. Von überall her drängten sich Alarmtöne in ihr Ohr.

Dass Yoko Sen diese Geräuschkulisse so intensiv wahrnahm, lag nicht daran, dass sie als Musikern ein gutes Gehör hat. Sondern daran, dass diese Geräusche Alltag auf vielen Stationen sind. Das bestätigt auch Markus Redmann, Stationsleiter der Intensivstation eines Kölner Krankenhauses. Je mehr Patienten auf einer Station liegen, desto intensiver werde die Geräuschkulisse, erklärt er.

"Also bei einem Bettplatz können es bis zu sechs verschiedene Alarme sein. Pro Patient. Wir haben 15 Bettplätze."
Markus Redmann, Stationsleiter der Intensivstation eines Kölner Krankenhauses

Deshalb arbeiten Yoko Sen und auch Wissenschaftler von Universitäten seit einigen Jahren an verschiedenen Konzepten, die schrillen Alarmsysteme durch wohltuendere Sounds zu ersetzen. Denn die schrillen Alarme sind nicht nur anstrengend für die Patienten, sondern auch für das Pflegepersonal.

Alarm-Müdigkeit

Schon seit längerem ist die Alarm-Müdigkeit ein bekanntes Phänomen. Je länger das Personal einer Dauerbeschallung durch Alarmtöne ausgesetzt ist, desto länger dauert die Reaktionszeit auf Warntöne und das Risiko einer Fehlinterpretation von Warnhinweisen steigt, erklärt Markus Redmann.

"Wenn häufig Alarme sind, dann reagiert man nicht mehr so adäquat darauf. Dann kann es schon mal vorkommen, dass man den richtigen Alarm gar nicht mehr richtig interpretiert, sondern bagatellisiert."
Markus Redmann, Stationsleiter der Intensivstation eines Kölner Krankenhauses

Um die wichtigen Alarme für das Personal noch hörbar zu machen, verfolgen Krankenhäuser deshalb oft das System, so wenige Alarme wie möglich zu nutzen. Yoko Sen und andere Wissenschaftler wollen aber ganz ohne Alarme auskommen.

Abstimmung der Überwachungsgeräte

2015 startete Yoko Sen, die vor allem elektronische Musik komponiert, ihr Projekt SenSound. Damit erarbeitete sei gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen, Patientinnen, Pflegepersonal und Geräteherstellern ein Konzept, wie sich die Krankenhausgeräusche besser ertragen lassen. Dabei war beispielsweise ein wichtiger Aspekt, wie es möglich ist, die einzelnen Geräusche der Überwachungsgeräte aufeinander abzustimmen.

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Außerdem führte Yoko Sen eine Umfrage durch, in welcher sie verschiedene Patienten fragte, mit welchen Klängen sie ihre letzten Stunden gerne verbringen würden. Viele Patientinnen gaben hierbei Naturgeräusche an. Yoko Sen will mit ihrem Projekt also ganz neue Klangkulissen schaffen, die kaum noch etwas mit den ursprünglichen Alarmgeräuschen zu tun haben.

Alarmierung durch Disharmonien

Einen anderen Ansatz verfolgen Wissenschaftler der technischen Universität Delft in den Niederlanden mit ihrem Critical Alarms Lab. Seit 2017 forschen Wissenschaftler dort nach Patienten- und Personalfreundlichen Geräuschkulissen für Intensivstationen.

In ihrem Konzept "Caretunes" sollen die Alarme durch Disharmonien ersetzt werden. Beispielsweise bilden der Herzschlag, der Sauerstoffgehalt und der Blutdruck eine Art harmonische Melodie. Für den Herzschlag ist ein Bass zu hören, für den Sauerstoffgehalt ein Gitarrenakkord und der Blutdruck wird durch ein Glockenspiel symbolisiert.

Sollte eine der Komponenten sinken oder steigen, verändert sich jeweils die Tönhöhe. Durch die nun entstandene und hörbare Disharmonie soll erkannt werden, dass sich der Zustand der betroffenen Person gewandelt hat.

Alarme häufig zu unspezifisch

Markus Redmann findet vor allem den Ansatz der Delfter Universität, verschiedene Parameter an verschiedene Klänge zu binden, interessant. Denn oft seien die Alarme so geschaltet, dass das Personal zwar höre, dass etwas nicht in Ordnung sei, jedoch nicht wisse, was nicht stimme.

"Die Alarme sind in der Regel so geschaltet, dass man merkt 'Achtung da ist was!' Das ist so unspezifisch. Und deshalb finde ich die Idee, dass verschiedene Parameter verschiedene Klangfarben haben, ganz interessant."
Markus Redmann, Stationsleiter der Intensivstation eines Kölner Krankenhauses

Doch von heute auf morgen könnten solche Projekte nicht umgesetzt werden. Sie bräuchten viel Zeit und vor allem Geld. Gerade in der Medizin sei es schwierig, neue Dinge umzusetzen, wenn es noch keine ordentlichen Zahlen und Fakten dazu gibt. Dennoch: Markus Redmann ist davon überzeugt, dass es sich langfristig lohnen würde.