Jugendliche, die in einem Heim leben, müssen 75 Prozent ihrer Einnahmen abgeben. Kritiker finden, dass Heimkinder dadurch benachteiligt werden.

Justin ist 17 Jahre alt, lebt in einem Heim und macht eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. 400 Euro von dem, was er verdient, muss er an das Heim abgeben. So legt es der Paragraf 94 im Sozialgesetzbuch VIII fest. Das gilt als eine Art Wiedergutmachung für die staatliche Unterbringung im Heim, sagt unser Reporter Andreas Herz.

Unter dem Strich bleiben Justin damit nur 80 Euro, über die er im Monat frei verfügen kann. Die Jugendlichen müssen drei Viertel ihrer Einnahmen abgeben, egal ob sie Zeitungen austragen, einen Ferienjob oder eine Ausbildung machen. Für Justin und andere Heimkinder lohnt es sich daher finanziell wenig, überhaupt arbeiten zu gehen. Es bleibt kaum Geld übrig, um mit Freunden etwas zu unternehmen oder beispielsweise auf einen Führerschein zu sparen. Nach Abzug der Abgaben arbeitet Justin somit für 1,20 Euro. Er will die Ausbildung trotzdem weitermachen, weil er weiß, dass sie ihm langfristig hilft, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Andreas Herz.

"Wir können nichts dafür, dass wir im Heim sind. Daran sind eigentlich zu 90 Prozent die Eltern schuld. Und was können wir Kinder dafür, dass wir dann im Nachhinein unsere 75 Prozent abgeben müssen."
Justin, lebt in einem Heim

Der familienpolitische Sprecher der CDU, Marcus Weinberg, vergleicht die Abgaben der Heimkinder mit dem Geld, das auch viele Jugendliche an ihre Eltern abgeben, wenn sie währen der Ausbildung noch Zuhause wohnen. Justin sagt, dass die anderen Auszubildenden in seinem Unternehmen nach eigenen Angaben nicht mehr als 100 Euro abgeben müssen, bei ihm ist es das Vierfache.

Jugendämter können Ausnahmen genehmigen

Vor einigen Jahren wurde das Gesetz gelockert. Seitdem können Jugendämter Ausnahmen genehmigen und weniger als die 75 Prozent abziehen. Aus Sicht der Kritiker schaffen solche Ausnahmen wieder Ungerechtigkeiten. Ein 16-Jähriger ist in der Regel nicht in der Lage, die Gesetzeslage und seine Ansprüche zu durchschauen. Er bräuchte beispielsweise einen Betreuer, der sich wirklich für ihn beim Jugendamt einsetzt. Manche können dann Glück haben und eine Ausnahme genehmigt bekommen, die anderen haben das Nachsehen, sagt unser Reporter Andreas Herz.

"Das ist vergleichbar mit den Kindern, die zuhause leben und eine Ausbildung machen. Die müssen ja in der Regel auch etwas abgeben. Allerdings, das sagen wir auch ganz deutlich: 75 Prozent ist schon sehr viel und nicht gerade motivierend für die Kinder."
Marcus Weinberg, familienpolitischer Sprecher der Union

Für den Auszubildenden Justin ist es beispielsweise ein Problem, dass er aufgrund seiner finanziellen Situation weder auf einen Füherschein noch auf ein Fahrzeug hinsparen kann. Die Anbindung an seine Ausbildungsstelle ist so schlecht, dass er jeden Tag zu spät komme, sagt unser Reporter, der mit dem Jugendlichen gesprochen hat. Justin hat in seinem Fall Glück, dass seine Chefs ein Auge zudrücken, wenn es um den Arbeitsbeginn geht.

Das Familienministerium will den Passus überarbeiten. Die Union schlägt vor, den Abzug auf 50 Prozent zu senken, und dafür die Ausnahmen abzuschaffen. Das Fazit unseres Deutschlandfunk-Nova-Reporters Andreas Herz: "Da langt der Staat offensichtlich an der falschen Stelle hin. Das sagen sogar Politiker der Regierungskoalition."