Benjamin Schorn ist Wirtschaftskriminologe und war an der Aufklärung des Wirecard-Skandals beteiligt. Gier sei nicht der Hauptantrieb der Kriminellen, sagt er. Das schlechte Gewissen werde oft neutralisiert. Außerdem hätten die Täter keinen Bezug zu den Opfern ihres Handelns. Sie nähmen sie bei der Ausführung der Tat gar nicht wahr.

Benjamin Schorn, Mitte 30, ist Gründer und Leiter des Instituts für Governance & Psychologie. Der Certified Fraud Examiner (CFE) ist auf die Psychologie von Wirtschaftskriminellen spezialisiert. Bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG half er unter anderem, den Betrug beim deutschen Skandal-Unternehmen Wirecard aufzudecken. Gerade hat der Insolvenzverwalter den früheren Wirecard-Chef Markus Braun und andere ehemalige Manager verklagt.

"Häufig ist es nicht die Gier"

Die reine Gier, immer noch mehr haben zu wollen, sei nicht die eine Motivation bzw. Erklärung für alles, sagt der Wirtschaftsforensiker. Das werde der Komplexität der Verhaltensweisen von Wirtschaftskriminellen nicht gerecht. Sein Institut betreibt Forschung und beschäftigt sich im Detail mit den Motiven von Wirtschaftsstraftätern.

Es gebe verschiedene Studien: Die einen definierten Gier generell als ein moralisches (Fehl-)Verhalten. Andere sehen Gier als das Verhalten, auf dem Rücken anderer immer noch mehr verdienen und haben zu wollen. Die Motive von Wirtschaftskriminellen könnten sich mit diesen Definitionen überschneiden, müssten es aber nicht.

"Gier wird oft als heftiges, maßloses Verlangen definiert, als eine ungezügelte Begierde. Ein kindlich-impulsives Verhalten abseits erwachsener Selbstkontrolle: „Ich muss das jetzt und hier sofort haben.“ Genau das ist bei Wirtschaftskriminellen aber regelmäßig nicht der Fall."
Benjamin Schorn, Gründer und Leiter des Instituts für Governance & Psychologie

Die Straftäterinnen oder Straftäter treibe eben häufig nicht die Gier – also eine kindlich-impulsive maßlose, ungezügelte Begierde, sagt Benjamin Schorn. Sie verfügten durchaus über eine Gewissenhaftigkeit. Sie hätten häufig eine stark ausgeprägte Zielstrebigkeit und Disziplin. Auch Termintreue, Hartnäckigkeit und Ordnungsgefühl seien typische Eigenschaften. All diese sprechen aber eigentlich für eine enorme Selbstbeherrschung und eben nicht für eine ungezügelte Impulsivität.

Zielstrebigkeit, Disziplin, Hartnäckigkeit

Soziodemografisch betrachtet seien Wirtschaftskriminelle häufig schon sehr lange im Unternehmen, oft sieben bis zehn Jahre auf einer Position im Topmanagement. Sie seien Akademiker, die bis dahin sozial unauffällig waren und eine stabile und erfolgreiche Karriere hinter sich haben.

Und passiert etwas, was das alles in Frage stellt bzw. verändert – zum Beispiel eine unerwartete Gelegenheit, die sich ergibt. "Gelegenheit macht Diebe" sei ihm zu absolut. Aber "Gelegenheit ermöglicht Diebe" treffe es ganz gut, sagt Benjamin Schorn. Die allermeisten Menschen seien integer, aber eben nicht alle.

"Und dann findet plötzlich ein Prozess statt, der bis dahin erfolgreiche unauffällige Manager dazu verleitet, den Weg C oder D statt den Weg A oder B zu nehmen."
Benjamin Schorn, Gründer und Leiter des Instituts für Governance & Psychologie

Druck von außen – etwa der Druck der Anleger – könne ein weiterer Grund sein. Das könne etwa einen CEO sehr unter Druck setzen. Auch die eigenen materiellen Bedürfnisse steigen vielleicht von Jahr zu Jahr und erzeugen Druck. Deshalb entscheiden sich manche Manager dann eben manchmal für den Weg C oder D statt A oder B.

Die Täter haben dabei keinen direkten Bezug zu den späteren Opfern ihres folgenschweren Handelns, sagt Benjamin Schorn. Sie nähmen sie bei der Ausführung der Tat gar nicht wahr.

Neutralisierung des schlechten Gewissens

Neben dem Druck und der Gelegenheit gebe es noch einen dritten Grund dafür, dass es zur Straftat kommt: die Rationalisierung bzw. Neutralisierung des schlechten Gewissens. In anderer Form kenne das jede und jeder von uns von sich selbst. Beispiel: Wir bringen den Müll runter und trennen ihn nicht oder nicht perfekt. Trotzdem schaffen wir es, uns nicht selbst zu kasteien, sondern lassen uns in einem halbwegs guten Licht dastehen.

Wenn Unternehmer Excel-Tabellen anpassen bzw. verschönern, sei das – auch wenn das in der Komplexität natürlich stark reduziert sei – im Prinzip derselbe Mechanismus dahinter.

Klickt auf das Audio und hört euch das ganze Gespräch an. Darin erzählt uns Benjamin Schorn auch, wie man mit Wirtschaftskriminellen umgehen muss, damit sie sachdienlich kooperieren – und wie er damit umgeht, die Bedrohung von Whistleblowern zu kennen und ein Teil ihres Schutzes zu sein.