Seit dem 9. November ist zwischen Armenien und Aserbaidschan ein Waffenstillstand in Kraft, um den Konflikt um die Region Bergkarabach zu befrieden. Doch die Proteste in der armenischen Bevölkerung reißen nicht ab.

Marcus Latton hat bis Ende November Armenien und Bergkarabach bereist. Bei seinen Gesprächen mit den Menschen in Bergkarabach hat der Journalist den Eindruck gewonnen, dass die meisten froh sind, dass die Kriegshandlungen zu Ende sind. Offiziell sind über 2000 armenische Soldaten gefallen, der Journalist schätzt aber, dass die Zahl tatsächlich doppelt so hoch ist.

"Ich habe das Gefühl, dass die meisten froh sind, dass das Sterben ein Ende hat."
Marcus Latton bereiste Bergkarabach nach den kriegerischen Auseinandersetzungen

Man müsse sich bewusst machen, dass in Armenien nur 2,8 Millionen und in Bergkarabach 150.000 Menschen leben. Deshalb würde in Armenien jede und jeder einen Menschen kennen, der bei den kriegerischen Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sei. "Im Verhältnis sind das schon tragische Opferzahlen", sagt Marcus Latton.

Teile der armenischen Bevölkerung sind mit dem Waffenstillstandsabkommen unter russischer Federführung nicht einverstanden. Sie haben in der Hauptstadt Jerewan dagegen demonstriert. Die heftigsten Proteste habe es nach der Unterzeichnung gegeben, sagt Marcus Latton. Die Demonstranten haben das Parlament gestürmt, den Rücktritt von Regierungschef Nikol Paschinjan gefordert und sein Haus geplündert. "Als ich da war, gab es jeden Abend Kundgebungen vor der Nationaloper, wo die Menge skandierte 'Nikol, du Verräter!'", berichtet Marcus Latton.

"Die Enttäuschung über die Niederlage ist riesig. Man hätte Aserbaidschan viel zu viele Zugeständnisse gemacht."
Marcus Latton war in der armenischen Hauptstadt Jerewan

In den vergangenen Tagen seien immer mehr Videos aufgetaucht, die zeigen, wie armenische Kriegsgefangene misshandelt, gefoltert und teilweise sogar geköpft worden sind, sagt Marcus Latton. "Das lässt die Emotionen noch mal richtig hochschwappen." Nach wie vor fordern die Demonstrierenden den Rücktritt des Regierungschefs, damit er den Weg für Neuwahlen freimache. Einige würden auch fordern, dass der Waffenstillstand nachverhandelt werden solle.

Misstrauen gegenüber Paschinjans Amtsführung wächst

Nikol Paschinjan ist erst seit 2018 im Amt und hatte zuvor die alte Herrscherclique aus dem Amt gedrängt, berichtet der Journalist. Seitdem habe er viele Reformen eingeleitet und Korruption bekämpft, was zu seiner Beliebtheit beigetragen habe. Doch seit dem Waffenstillstandsabkommen zweifelten auch seine Befürworter daran, ob er noch der Richtige im Amt sei.

Ungewisse Zukunft für Bergkarabach

Ob der vereinbarte Waffenstillstand halte, sei schwer einzuschätzen, mein Marcus Latton. Rund 2000 russische Soldaten sollen die Einhaltung des Abkommens für fünf Jahre überwachen und für Frieden in Bergkarabach und Aserbaidschan sorgen. Während die Menschen in Bergkarabach über die russischen Truppen erleichtert seien, seien aber die Menschen in Aserbaidschan von der Anwesenheit der Soldaten nicht begeistert. Auch weil Russland geopolitisch damit Pflöcke einschlage, denn jetzt stünden russische Truppen nicht nur in Armenien, sondern auch in Aserbaidschan, meint der Journalist.

Die Opposition in Aserbaidschan würde eine radikalere Position als Präsident Ilham Aliyev vertreten. Während die Armenier auf die Unabhängigkeit Bergkarabachs pochen, sagt Marcus Latton.

"Der Konflikt geht jetzt diplomatisch weiter: Welchen völkerrechtlichen Status soll Bergkarabach bekommen?"
Marcus Latton über den Bergkarabach-Konflikt

Jetzt müssten Politiker klären, ob Bergkarabach, auf Armenisch Arzach, unabhängig oder eine autonome Region innerhalb Aserbeidschans werden soll. Armenien hat im Rahmen des Abkommens ungefähr ein Drittel der eigentlichen Region Bergkarabach abtreten müssen, in dem sich Schuscha, die zweitgrößte Stadt Bergkarabachs befindet. "Sie steht jetzt unter Kontrolle Aserbaidschans. Das hat eine hohe symbolische und strategische Bedeutung", sagt Marcus Latton. Die russischen Truppen sollen nun dafür sorgen, dass armenische Kulturgüter wie Kirchen und Klöster erhalten bleiben.

Ashot Sewjan, Armenier in Bergkarabach
© Marcus Latton
Ashot Sewjan lebt in einem Dorf in Bergkarabach, das jetzt an Aserbeidschan übergegangen ist. Er ist der Letzte und er will bleiben.
"Meine Nachbarn haben ihre Häuser angezündet und sind weggegangen. Aber ich bin in diesem Haus geboren, mein Vater kommt von hier, meine Kinder sind hier aufgewachsen. Ich gehe hier nicht weg."
Ashot Sewjan will in seinem Dorf in Arzach bleiben

Die armenische Bevölkerung in Bergkarabach fliehe teilweise aus den Dörfern, weil sie mit repressivem Verhalten seitens der Behörden und Menschen in Aserbaidschan rechne. Die armenische Regierung hat den Flüchtenden angeboten, sie mit etwas finanzieller Hilfe zu unterstützen, berichtet Marcus Latton. Fliehende Armenier zünden oftmals ihre Häuser an, um den Aserbaidschanern nicht auch noch ihr Hab und Gut zu überlassen, erklärt Marcus Latton.

"Das Anti-Armenische ist in Aserbaidschan leider Staatsdoktrin. Unter so einem Regime wie unter Aliyev haben die Armenier nichts zu gewinnen."
Marcus Latton über den Bergkarabach-Konflikt

Während Sowjetzeiten war Bergkarabach hauptsächlich von Armeniern bewohnt. Schon 1988 hätte es Unabhängigkeitsbestrebungen gegeben, die zum ersten Krieg um die Region in den 90er-Jahren geführt haben, den Armenien gewonnen hat. Dabei hat Armenien sieben Gebiete dazugewonnen, die sich um die Region Bergkarabach herum befinden, fasst der Journalist zusammen. Experten internationalen Rechts seien der Meinung, dass diese Gebiete zu Aserbaidschan gehören.