Erst das Abitur, dann eine Ausbildung. Rechnerisch gehen fast 50 Prozent aller Abiturientinnen und Abiturienten diesen Weg. Bildungsforscher Dieter Dohmen kennt die Datenlage und erklärt, wie sie zum vielseits beschworenen Fachkräftemangel passt.

Gut 47 Prozent aller Abiturient*innen in Deutschland haben sich 2021 für eine Ausbildung entschieden. 2011 waren es nur rund 35 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das private Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt hat.

Habe noch vor zehn Jahren rein rechnerisch nur etwa ein Drittel eines Abiturjahrgangs eine Ausbildung begonnen, sei es heute in etwa die Hälfte jedes Abi-Jahrgangs, sagt Dieter Dohmen, Leiter des Instituts. Abiturient*innen wählten besonders gern technische Berufe und Dienstleistungsberufe – eine Bankausbildung zum Beispiel.

"Wir müssen im Prinzip alles ausbilden, was nicht bei drei auf dem Baum ist."
Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie

Für die Untersuchung hat sein Institut auf Langzeitdaten aus der Ausbildungsstatistik des Bundesinstituts für Berufsbildung, der Bundesagentur für Arbeit, des Statistischen Bundesamts sowie von Eurostat zurückgegriffen.

Obwohl mehr Menschen mit Abitur eine berufliche Ausbildung wählen - die Zahl der Auszubildenden ist insgesamt rückläufig. 2021 waren es 150.000 weniger als im Jahr 2007.

Zu viele Menschen mit keiner Ausbildung

Er plädiert dafür, Studium und Ausbildung nicht gegeneinander auszuspielen. Beruflich ausgebildete Fachkräfte und Menschen mit akademischen Mint-Abschlüssen würden beide gebaucht.

"Wir haben ein riesiges Problem mit Fachkräften. Das liegt daran, dass wir seit Jahrzehnten ungefähr 15 bis 20 Prozent eines Jahrgangs nicht ausbilden und ihnen sagen: Ihr könnt nichts, ihr werdet nichts."
Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie

Den Fachkräftemangel im Handwerk führt er auch darauf zurück, dass manche Ausbildungsberufe unattraktiv und manche Ausbildungsbetriebe zu sehr auf Defizite potenzieller Kandidatinnen und Kandidaten fixiert seien.

Kleinen Betrieben im Handwerk falle es grundsätzlich schwer neben dem Tagesgeschäft, Jugendliche anzusprechen und die Nachwuchssuche zu erledigen. Das sei aber eine strategische Notwendigkeit.

"Von Akademisierungswahn kann keine Rede sein."
Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie

Mehr Jugendliche als früher sind heute weder in Ausbildung noch in der Schule oder in Arbeit. 2021 waren das in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen 630.000 Menschen, im Jahr 2019 waren es noch 492.000.

  • Moderator:  Till Haase
  • Gesprächspartner:  Dieter Dohmen, Leiter des privaten Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie