Nicole Rinder ist Bestatterin und Trauerbegleiterin. Im Interview mit Paulus Müller, erzählt sie, warum Trauer ein sehr existenzielles und schmerzhaftes Gefühl ist und wie wir lernen können, damit zu leben.

Paulus Müller: Nicole, was ist Trauer für dich?

Nicole Rinder: Trauer ist für mich ein ganz, ganz wichtiger, notwendiger Ausdruck von einem Verlust. Also Trauer ist für mich keine Krankheit, was ja leider viele oft denken, kann aber krank machen, wenn ich die Trauer nicht zulasse.

Paulus Müller: Man muss sozusagen mit ihr umgehen. Und es gibt da ja mehrere Phasen, die Trauernde erleben. Die erste Phase kann Ablenkung sein. Ist dass so etwas typisches am Anfang?

Nicole Rinder: Ja, das ist wirklich etwas ganz typisches. Wobei ich auch immer wieder sage, Trauer ist einfach ein ganz individuelles Gefühl. Und man kann nicht immer sagen, alle reagieren gleich, weil jeder Mensch ist einfach anders. Ich erkläre es immer auch ganz gerne mit dem Gefühl des Verliebtseins. Und auch da, wenn man so im Freundeskreis schaut, reagiert ja auch jeder ganz anders, wenn er frisch verliebt ist. So ist es bei der Trauer eben auch. Und es gibt auch oft das Problem, dass Trauernde auch wirklich oft sagen: 'Ich hab gar keine Zeit gehabt zu trauern, weil ich jetzt so viele Dinge organisieren musste und tun musste.' Auf der anderen Seite ist es aber oft ganz hilfreich, wenn Kopf und Herz auch eine Pause bekommen und sich mit anderen Dingen ablenken dürfen. Weil das Gefühl der Trauer oder all diese Gefühle, die ganzen Emotionen, die zur Trauer gehören, die kommen, ob ich will oder nicht.

"Trauer ist keine Krankheit, kann aber krank machen."
Nicole Rinder

Trauer kostet Kraft und braucht Zeit

Paulus Müller: In der Geschichte von Kristina Schulze, die mit 32 ihren Freund verloren hat, erzählt die Protagonistin, dass sie die Trauer irgendwann zugelassen hat und dann auch ein bisschen in der Trauer gebadet hat. Sie hat sich zurückgezogen und hat gesagt, sie hat tagelang nur im Bett gelegen und viel geweint. Ist das etwas, was man vielleicht auch braucht?

Nicole Rinder: Ja unbedingt, das hat sie wunderbar gemacht. Also sie hat auf ihren Körper gehört. Sie hat auf ihre Seele gehört, die einfach gesagt hat: 'Jetzt brauche ich diesen Rückzug.' Das ist etwas, was Trauernde oft erzählen und erleben, dass man sich wie in so einem Kokon fühlt und das auch braucht. Also wirklich diesen Schutz, also gerade das nicht aushalten zu können, was da draußen passiert und dass das Leben weitergeht. Und ja, es stimmt, das Leben geht weiter, aber das Leben geht anders weiter. Um das wieder zulassen zu können, braucht man einfach unglaublich viel Zeit. Und diesen Rückzug, dieses nur für sich sein zu dürfen und tagelang auch nur zu heulen und gar nicht aufzustehen und sich nicht waschen zu müssen, das brauchen einfach auch einige Menschen.

Paulus Müller: Es ist ja wahrscheinlich für viele Menschen drumherum schwer zu ertragen. Ich kann mir vorstellen, dass in so einer Situation Angehörige oft hingehen und die Leute aus dem Bett reißen wollen und packen wollen. Hey, komm, wir gehen jetzt spazieren, wir machen jetzt dies oder wir machen jetzt das.

Nicole Rinder: Wenn so ein Todesfall in der Familie passiert, dann ist es oftmals das erste Mal und es kommen Gefühle, die ungewohnt sind. Also ungewohnt in ihrer ganzen Intensität. Das zieht dir den Boden unter den Füßen weg im wahrsten Sinne des Wortes. Trauernde fragen sich dann manchmal: 'Ist es normal, wie ich reagiere? Ich habe das Gefühl, ich werde verrückt!' Und ja, der Lebensweg, den ich bis jetzt hatte, der in diesen Bahnen gelaufen ist, der ist ja jetzt ver-rückt worden - im wahrsten Sinne des Wortes! So wie ich bisher gelebt habe mit meinem Partner, so lebe ich jetzt nicht weiter. Und das ist schon ungewohnt. Und da kann man schon Angst bekommen und sich fragen: 'Ist das jetzt normal, dass ich wirklich nur noch im Bett liegen bleibe?'

Paulus Müller: Kristina Schulze erzählt in ihrer Geschichte, dass sie total lethargisch war und keine Energie hatte.

Nicole Rinder: Trauern kostet unglaublich viel Kraft. Das ist etwas, was viele sich nicht zugestehen und auch wirklich so ein bisschen verdrängen. Sie meinen dann, sie müssen wieder in die Arbeit gehen, sie müssen jetzt ganz normal weitermachen. Dabei ist Trauer Arbeit. Deswegen spricht man auch wirklich von Trauerarbeit und die ist unglaublich kraftintensiv. Und da braucht der Körper oft auch diese Pausen. Dann kommen vielleicht die Freunde und wollen dich aus dem Bett ziehen und sagen, jetzt komm, jetzt geh raus! Ich sage immer es braucht die beiden Seiten: Es ist gut, als Trauernder wirklich Freunde oder Familie im Umfeld zu haben, die auch keine Angst vor mir haben, die auch zu mir nach Hause kommen und sagen: 'Komm, zieh dich an, jetzt geh mal eine Runde um den See und ein bisschen frische Luft schnappen.'

Paulus Müller: Weil man sich sonst in dieser Trauer wirklich verlieren und in ihr untergehen kann?

Nicole Rinder: Ja, es kann schon passieren. Deswegen ist das soziale Umfeld für einen Trauernden unglaublich wichtig. Immer wieder Menschen zu haben, die einfach zuhören, weil die meisten wollen ihre Geschichte immer und immer wieder erzählen.

"Wenn so ein Todesfall in der Familie passiert, dann ist es oftmals das erste Mal und es kommen Gefühle, die ungewohnt sind. Also ungewohnt in ihrer ganzen Intensität. Das zieht dir den Boden unter den Füßen weg - im wahrsten Sinne des Wortes."
Nicole Rinder

"Ich kann nicht aus der Trauer rauskommen, wenn ich nicht durch die Trauer durchgehe."

Paulus Müller: Kristina beschreibt ja in ihrer Geschichte, dass sie irgendwann den Übergang schafft, zur Phase der Professionalisierung. Sie merkt, sie möchte von ihrer Trauer erzählen, liest Ratgeber. Um dahin zu kommen, muss man da vorher die Trauer zugelassen haben?

Nicole Rinder: Es gibt keinen Umweg. Ich sag immer, ich kann nicht aus der Trauer rauskommen, wenn ich nicht durch die Trauer durchgehe. Es hört sich immer so simpel an, aber es ist natürlich das Schwerste, was es überhaupt gibt, diesen Trauerschmerz wirklich zu durchleben und vor allem auch zuzulassen. Manchen Menschen hilft es, zu einer Trauergruppe zu gehen. Auch aus dem Grund, weil irgendwann das Umfeld es nicht mehr hören kann. Dann passieren Verletzungen, dass dann auf einmal die beste Freundin sagt: 'Jetzt ist aber mal gut, guck nach vorne und das Leben geht weiter.' Und selber merkt man, man ist noch nicht bei dem nächsten Schritt. Man braucht einfach noch was anderes. Und deswegen sind natürlich so Trauergruppen oft wirklich sehr hilfreich.

Paulus Müller: Wann würdest du denn sagen, dass man eine Therapie machen sollte oder sich andere professionelle Hilfe holt im Trauerprozess?

Nicole Rinder: Wenn ich merke, dass ich nach Monaten wirklich am Alltag gar nicht mehr teilhaben kann. Also, dass es mir auch nach Monaten noch schwer fällt, in die Arbeit zu gehen, für mich zu sorgen, was zu essen. Dass vielleicht mein Inhalt nur noch darin besteht, jeden Tag Stunden am Grab zu sein und ich es nicht mehr schaffe die einfachsten Dinge zu tun: duschen oder essen zum Beispiel oder rausgehen. Wenn ich das nicht schaffe, empfehle ich immer, sich jemanden an die Seite zu holen und zu schauen, was wirklich jetzt sinnvoll ist.

Paulus Müller: Damit die Trauer nicht chronisch wird?

Nicole Rinder: Ja, damit es halt einfach auch nicht in eine Depression abrutscht. Es ist immer schwierig, eine Zeit vorzugeben, weil depressiven Symptome oder Verstimmungen die gehören dazu. Und jetzt ist natürlich die Gratwanderung: Wie viel gehört dazu, wie viel nicht? Da kann es natürlich schon passieren, dass ich wirklich in diesem Strudel drin bleibe und irgendwann wirklich merke, ich habe überhaupt gar keinen Antrieb mehr. Dann ist es wirklich hilfreich.

Paulus Müller: Es schadet aber wahrscheinlich nicht, zu früh Hilfe zu holen?

Nicole Rinder: Nein, definitiv nicht. Es ist überhaupt gar nicht schlimm, sich Hilfe zu holen. Im Gegenteil. Es ist so hilfreich, von außen jemanden zu haben, der mit mir einfach drauf schaut. Warum haut mich das denn jetzt so um? Also warum kommt der Boden unter meinen Füßen eigentlich überhaupt nicht mehr?

Trauer hört nie auf, sie verändert sich

Paulus Müller: Hast du einen Tipp für Menschen, die jemanden in ihrem Umfeld haben, der trauert? Wie gehe ich auf so einen Menschen zu, wenn ich selber merke, ich bin total verunsichert?

Nicole Rinder: Ich kann immer nur jedem ans Herz legen, wirklich keine Angst zu haben vor dem Trauernden, sondern auf ihn zuzugehen. Ohne sich großartig zu überlegen, oh Gott, was sag ich denn jetzt, was sehr hilfreich sein kann? Weil oft ist es einfach hilfreich zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll. Wirklich ehrlich zu sein, anstatt wieder irgendwie groß eine Lösung finden zu müssen, die ich jetzt demjenigen an die Hand geben muss. Sondern wirklich genau das sagen, was ich in dem Moment fühle. Und wenn das in dem Moment einfach genau das ist: 'Es ist einfach nur furchtbar, was dir passiert ist. Und mehr fällt mir dazu überhaupt gar nicht ein. Aber ich bin da.' Und das ist natürlich das größte Geschenk, wirklich Menschen zu haben, die da sind. Und das können einfach auch nicht viele, weil sie Angst haben vor den Gefühlen, dass vielleicht meine Arbeitskollegen, wenn ich sie in der Früh frage: 'Mensch, wie geht es Ihnen heute?' Dass die auf einmal in Tränen ausbricht und man denkt, oh Gott, jetzt bin ich schuld, nur weil ich sie gefragt habe. Und da sage ich immer: Nein, es kann niemand irgendwo Tränen hervorholen, wo nicht auch Tränen sind. Und es ist eigentlich schön, dass man dann jemanden hat, der dann da sitzt und vielleicht den Arm um mich herum legt und es einfach aushält, dass ich jetzt gerade einfach weinen muss.

Paulus Müller: Hat Trauer ein Ende?

Nicole Rinder: Trauer hört eigentlich nie wirklich auf. Sie verändert sich. Die Trauer ist am Anfang unglaublich intensiv. 24 Stunden nimmt dich diese Trauer wirklich ein, und irgendwann wird es immer weniger. Also irgendwann, wenn ich all das auch zugelassen habe, verändert es sich. Und es geht immer darum, dass all das, was ich mit dem Verstorbenen erlebt habe, die Erfahrung, die Liebe, dass ich dem allen einen neuen Platz in meinem Leben gebe. Und das kann nach vielen Jahren so sein, dass man auf einmal dasitzt und irgendein Lied hört oder etwas riecht. Oder es läuft jemand vorbei, wo man sich denkt, der sieht so aus wie wie mein Partner damals und dass dann auf einmal Tränen kommen. Und es heißt überhaupt nicht, dass die Person die Trauer nicht verarbeitet hat, sondern das heißt, dass auch nach vielen Jahren dieser Schmerz kurz da ist. Und auch die Sehnsucht nach diesem Menschen. Und dass ich ihr aber einen guten Platz gegeben habe und dass das auch sein darf. Und deswegen sag ich immer, die Trauer hat nicht mehr diese große Macht über einen oder bestimmt den ganzen Tag. Aber sie wird immer Teil meines Lebens sein. Also um meinen Sohn oder um meinen Bruder werde ich bis an mein Lebensende immer wieder auch trauern. Nicht jeden Tag, nicht jede Woche, nicht jeden Monat. Aber es gibt Momente, wo es mich einfach traurig macht, dass diese Menschen nicht mehr bei mir sind.