Antibiotika haben ihren Ruf als medizinische Wunderwaffe verloren. Die Biochemikerin Katja Becker kennt Gründe für die rasante Zunahme resistenter Keime. Nur die wenigsten entstehen in Krankenhäusern.

Als in den 1940er Jahren Penicillin auf den Markt kommt, feiert die Welt die Sensation mit dem Nobelpreis. Doch schon 1952 tritt die erste Ernüchterung auf, weil das Wundermittel bei Säuglingen versagt. Inzwischen werden Infektionen weltweit zu einer noch größeren Bedrohung, denn viele Antibiotika schlagen nicht mehr an, weil Bakterien resistent geworden sind. Die Biochemikerin Katja Becker fasst die Entwicklung zusammen.

Keime aus dem Ausland

In Indien beispielsweise sind Antibiotika ohne Rezept frei verfügbar. Eine Katastrophe für Mediziner, die von weggeworfenen Pillen auf den Straßen berichten und verseuchtem Erdreich. Der internationale Reisetourismus verschärft die ohnehin angespannte Situation weiter.

"Man sollte wissen, dass die wenigsten resistenten Keime in unseren Krankenhäusern entstehen. Die meisten werden mitgebracht, gerne aus dem Ausland, zum Beispiel aus Ägypten oder Indien."
Katja Becker, Biochemikerin und Medizinerin

Aus biochemischer Sicht können sich die Erreger durch Vererbung derart verändern, dass sie in unserem Körper völlig resistent werden. Sogar für den Menschen neutrale oder hilfreiche Bakterien können bei einer Antibiotikagabe mutieren und neue Infektionen auslösen. Wegen dieser Fülle an Problemen halten Kliniken sogenannte Reserveantibiotika in fest verschlossenen Schränken vor, die sie bei lebensbedrohlichen Zuständen – auch intravenös – verabreichen.

Kaum Anreize für Antibiotikaentwicklung

Doch selbst gegen solche Reserveantibiotika haben Bakterienstämme eine zunehmende Widerstandsfähigkeit entwickelt. Für die Arzneimittelindustrie sind die Anreize gering, neue Medikamente zu entwickeln, weil auf solche Reserven nur ganz selten zugegriffen wird und kaum Gewinne zu erzielen sind.

Katja Becker ist Biochemikerin und Molekularbiologin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie ist außerdem auch Medizinerin. Im Juli 2019 wurde sie zur neuen Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, DFG, gewählt und wird das Amt Anfang 2020 antreten. Ihr Thema im Hörsaal: "Dimensionen der antimikrobiellen Resistenz". Den Vortrag hat sie am 22.09.2018 auf der Jahresversammlung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle an der Saale gehalten.

Unser zusätzlicher Beitrag stammt von Kathrin Baumhöfer. Sie hat sich in einem Bonner Forschungslabor umgeschaut, wie dort nach neuen Wegen gesucht wird, um Antibiotika-Resistenzen zu bekämpfen.