Trotz aller Bodypositivity-Aktionen, die es inzwischen gibt – die eigene Figur bleibt für viele ein Reizthema. Eine Studie aus Polen zeigt jetzt: Zahlreiche Menschen nehmen ihren Körper anders wahr, als er laut Body Mass Index (BMI) ist.

Bei Insta und Tiktok überwiegen nach wie vor die Fotos und Videos schlanker und fitter Menschen. Wer anders aussieht, kann mit dem eigenen Körper schon mal unzufrieden werden. Das hängt aber oft mit einer Fehleinschätzung der eigenen Figur zusammen, wie eine Studie aus Polen zeigt, die im Fachmagazin Nature erschienen ist.

Selbsteinschätzung vs. Reality Check

Dafür haben die Forschenden insgesamt 744 Erwachsene gefragt, in welche der vier BMI-Kategorien untergewichtig, normalgewichtig, übergewichtig oder fettleibig sie sich einordnen würden. Anschließend haben sie dann quasi den Reality-Check gemacht, also die Probandinnen und Probanden gewogen, gemessen und den BMI berechnet. Ergebnis: Fast 40 Prozent haben ihre Kategorie falsch eingeschätzt, berichtet Deutschlandfunk Nova-Reporterin Inga Gebauer.

"Fast 40 Prozent der 744 Erwachsenen haben falsch eingeschätzt, in welche Kategorie sie fallen."
Inga Gebauer, Deutschlandfunk Nova-Reporterin

Zwar ist die Skala des BMI selbst inzwischen umstritten, nach wie vor ist aber der BMI der Standard, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgibt. Die Werte unterscheiden sich je nach Altersgruppe: In der Altersgruppe 25-34 Jahre liegt ein idealer BMI zum Beispiel zwischen 19 und 24, in der Altersgruppe 55-65 Jahre dagegen schon deutlich höher, zwischen 23 und 28.

Zu dick und zu dünn

Die Leute haben sich in beide Richtungen falsch eingeschätzt, also zu dick und zu dünn. Bei den Normalgewichtigen denken 14 Prozent, sie seien übergewichtig. Tendenziell haben sich die Teilnehmenden aber eher für leichter eingeschätzt, als sie es tatsächlich sind. Bei den Fettleibigen schätzen fast 42 Prozent, dass sie "nur" übergewichtig sind.

"Die Leute haben sich in beide Richtungen falsch eingeschätzt. Tendenziell hielten sie sich aber eher für schlanker als sie es tatsächlich waren."
Inga Gebauer, Deutschlandfunk Nova-Reporterin

Verständlicherweise möchte niemand so gerne hören, er oder sie ist "fettleibig". Genau das ist für die Forschenden auch die wichtigste Erklärung für die starke Fehleinschätzung der Teilnehmenden in dieser Kategorie. Sie wollen es nicht wahrhaben, deshalb ordnen sie sich eher in die Kategorie darunter ein.

"Fettleibig": Unbeliebter Begriff

Deshalb empfehlen die Forschenden auch, über die Begrifflichkeiten nachzudenken. "Leicht übergewichtig" und "stark übergewichtig" könne man sich vielleicht leichter eingestehen.

Da die vier Kategorien abstrakt sind, haben die Forschenden die Selbsteinschätzung auch anhand von Schaubildern überprüft. Es wurden neun verschiedene Körpersilhouetten gezeigt: von sehr dünn bis sehr dick. Das Ergebnis ist ähnlich: Die meisten haben ihre Figur schlanker eingeschätzt, als sie tatsächlich ist.

"In immer mehr Ländern gibt es immer mehr übergewichtige Menschen. Das wird dann also irgendwann zu einer Art neuen Normalität."
Inga Gebauer, Deutschlandfunk Nova-Reporterin

Die Forschenden vermuten eine Art Vergleichs- und Gewöhnungseffekt an übergewichtige Körpersilhouetten, denn in immer mehr Ländern gibt es immer mehr übergewichtige Menschen. Diese Körperformen werden irgendwann zu einer Art neuen Normalität.

Unter diesen Bedingungen könnte man dann eben auch eher zu der Einschätzung kommen, dass man im Vergleich zu den anderen Menschen noch relativ schlank ist, fasst Inga Gebauer die Studienergebnisse zusammen.

Männer hielten sich häufiger für dünner

Eine Auffälligkeit hat das Experiment gezeigt: Männer halten sich im Schnitt deutlich häufiger für dünner als Frauen. Die Frauen dagegen schätzen sich eher für zu dick ein und sind auch eher unzufrieden mit der eigenen Figur und dem Gewicht.

Die Forschenden hoffen, dass ihre Ergebnisse zum Beispiel für die Therapie von Übergewicht nützlich sein könnten. Denn wenn man erstmal weiß, dass die Betroffenen ihr Gewicht und damit ja auch ihren Gesundheitszustand oft zu positiv einschätzen, dann können Fachleute das berücksichtigen und Übergewichtigen diese Fehleinschätzung klarmachen.

Und eine solche Erkenntnis führt dann ja vielleicht bei manchen Menschen auch zu einer Verhaltensänderung beim Essen und bei der Bewegung.