Wir haben jederzeit Zugriff auf Serien, Filme, Spiele oder unsere Kontakte auf Social Media – langweilen müssen wir uns quasi nie. Sollten wir aber, finden Jenni und Franzi vom Podcast "Art, work and progress". Psychologie-Professorin Sabrina Krauss sieht das genauso und erklärt warum.

Jenni und Franzi arbeiten als Illustratorinnen und sprechen in ihrem Podcast "Art, work & progress" über Kreativität. Sie finden: Ohne Langeweile geht's nicht. Das bedeutet auch, dass sie sich manchmal bewusst in diesen Zustand bringen und dazu das Smartphone oder den Laptop beiseite legen.

"Langeweile ist die Ruhe vor dem Flow."
Jenni, Host des Podcasts "Art, work & progress"

Denn jede Ablenkung reißt einen wieder aus dem Fluss der Kreativität heraus, sagt Franziska. Aber sich in die Langeweile zu begeben, ist für Jenni und Franzi oft schwer, schließlich sind auch sie 'Menschen unserer Zeit', und auch bei ihnen ist das Smartphone nie weit weg. Trotzdem üben beide, sich der Langeweile gezielt auszusetzen – auf einer Parkbank oder in der Bahn beispielsweise.

Flucht aus der Leere

Denn gerade die Leere bringe das Gehirn zum Anspringen. Das kann sich bei jedem anders äußern: Sportliche Menschen fangen vielleicht an, sich zu bewegen, andere spinnen Geschichten zusammen, wieder andere fangen an zu kritzeln oder zu zeichnen.

Franzi erzählt, dass sie die Langeweile bewusst instrumentalisiert: Dafür setzt sie sich an den PC und beschließt, nichts anderes tun zu dürfen als etwa zu schreiben oder zu zeichnen. Bevor sie sich langweilt, fängt sie lieber mit einer der beiden selbst gestellten Aufgaben an – das ist dann das kleinere Übel.

Jennifer und Franziska vom Podcast "Art, Work and Progress"
© Seda Demiriz
Franziska (links) und Jennifer (rechts) brauchen Langeweile – um kreativ zu werden

Trotzdem kennen beide Momente, in denen das weniger gut klappt. Jenni erzählt, dass manchmal, wenn sie eigentlich mit der Arbeit loslegen müsste, sie stattdessen in intensiven Recherchen versinkt – um bloß nicht den Moment der Leere aushalten zu müssen, der oft am Anfang eines kreativen Prozesses steht.

"Langeweile entsteht immer dann, wenn ich etwas nicht tun kann, was ich in diesem Moment gerne tun würde."
Sabrina Krauss, Professorin für Psychologie, SRH Hochschule Hamm

Sabrina Krauss ist Professorin für Psychologie und forscht zu Langeweile. In der Wissenschaft wird der Begriff der Langeweile aber sehr unterschiedlich definiert. Deshalb sind die vorliegenden Studienergebnisse zum Thema in der Summe zu komplex, um eindeutige Fakten und Zahlen zum Thema zu referieren.

Grob lässt sich aber aus vielen Studien festhalten: So etwas wie Kreativität kann besser entstehen, wenn die Person sich ein wenig gelangweilt hat. Langeweile gewöhnen wir uns aber immer mehr ab, sagt die Psychologin.

"Alle Impulse, die wir sehen und hören, sind quasi Reiz-Einkäufe, die wir mit in unsere Gehirnküche nehmen. Bei Langeweile schließt sich die Küchentür – und unser Gehirn hat Zeit, die Einkäufe in die Schränke einzuräumen."
Sabrina Krauss, Professorin für Psychologie, SRH Hochschule Hamm

Sie vergleicht unser Gehirn mit einer Küche, in die wir unsere ganzen 'Reiz-Einkäufe' abstellen. Sortieren wir diese Einkäufe nicht ein und räumen sie auf, wird es in der Küche nicht nur voll – sondern wir brauchen auch länger, um das zu finden, was wir suchen. Das Angebot um uns herum in Form von Unterhaltung und Medien führe dazu, dass sich die Küchentür kaum mehr schließt und wir auch kaum Zeit haben, aufzuräumen.

Sabrina Krauss, Professorin für Psychologie
© von privat
Sabrina Krauss weiß aber auch, dass Langeweile schädlich sein kann

Sabrina glaubt nicht, dass das an einer Überreizung liegt, sondern viel eher, dass wir uns an das Über-Angebot gewöhnt haben. Um die gleiche Aufregung zu erleben, müssen wir uns immer stärkeren Reizen aussetzen. In der Folge sind wir also nicht nur schneller von unserem Smartphone gelangweilt, sondern das Risiko für psychische Krankheiten wie Depressionen steigt ebenfalls an, sagt die Psychologin. Sie stellt klar: Langeweile kann schaden, aber auch fruchtbar sein.

Langeweile kann produktiv und kontraproduktiv wirken

Es gibt Studien, die sagen, dass Langeweile in Korrelation zu Übergewicht und psychischen Krankheiten wie Depression stehen kann. Andere Studien haben aber ergeben, dass sich Langeweile sehr günstig auf uns auswirken kann. Sie kann dazu führen, dass wir uns aus dem Zustand befreien, uns sozial engagieren, etwa einer gemeinnützigen Organisation beitreten oder eine neue Tätigkeit beginnen.

Ob Langeweile sich positiv oder negativ auf die Psyche auswirkt, hat unter anderem damit zu tun, ob jemand ständig gelangweilt ist oder nur hin und wieder.

Warum Sabrina Krauss glaubt, dass gerade die jüngere Generation Langeweile schlechter aushalten kann und was in Franzis und Jennis Gehirnen abgeht, wenn sie Langeweile zulassen, hört ihr in der Ab 21.

Meldet euch!

Ihr könnt das Team von Ab 21 über WhatsApp erreichen.

Uns interessiert: Was beschäftigt euch? Habt ihr ein Thema, über das wir unbedingt in der Sendung und im Podcast sprechen sollen?

Schickt uns eine Sprachnachricht oder schreibt uns per 0160-91360852.

Wichtig:
Wenn ihr diese Nummer speichert und uns eine Nachricht schickt, akzeptiert ihr unsere Regeln zum Datenschutz und bei WhatsApp die Datenschutzrichtlinien von WhatsApp.

  • Moderator:  Utz Dräger
  • Gesprächspartnerinnen:  Franziska Ruflair und Jennifer Daniel, Hosts des Podcasts Art, Work & Progress 
  • Gesprächspartnerin:  Sabrina Krauss, Professorin für Psychologie, SRH Hochschule Hamm