Schätzungsweise 24 Millionen Kinder und Jugendliche in China sind internetsüchtig. Viele Eltern schicken sie deshalb in Boot Camps, in denen sie mit militärischem Drill umerzogen werden.

Etwa 200 Boot Camps für internetsüchtige Kinder und Jugendliche gibt es in China. Wer seine Kinder dorthin schickt, muss damit klar kommen, dass er sie vier bis sechs Monate nicht besuchen darf. 700 Euro kostet so ein Boot Camp im Monat. Die Kinder darin sind alle süchtig nach Internetspielen. Das soll ihnen aberzogen werden. Der 15 Jahre alte Liu, den wir treffen, nennt es umprogrammieren.

"Zu Hause war ich allein. Im Internetcafé ist man in Gesellschaft. Jetzt, wo ich hier bin, fühle ich mich traurig und schuldig."
Liu, 15 Jahre alt und seit drei Monaten in einem Boot Camp

Liu muss sich - wie alle anderen auch - dem militärischen Drill ergeben. Der Tag ist von 5 Uhr morgens bis 22 Uhr abends durchgeplant. Zwar findet auch Schulunterricht statt, aber drumherum ist der Tag der Kinder geprägt von körperlichen Übungen. Sogar für den Toilettengang gibt es eine Vorschrift. Geschlafen wird auf Metall-Stockbetten. Hier sind alle eng zusammengepfercht. Da tut es gut, unter das Kopfkissen zu greifen und einen Brief der Mutter zu lesen.

"Seit du weg bist, denke ich jede Minute an dich. Weil wir Angst hatten, dass du rebellierst, haben wir uns nicht von dir verabschiedet. Wenn du älter bist, wirst du uns verstehen."
Aus dem Brief von Lius Mutter

Im Camp herrscht strenge Disziplin. Damit keiner abhaut, ist es mit Stacheldraht umzäunt. Wer versucht zu fliehen, wird zehn Tage weggesperrt. Manchmal - wenn der Alarm losgeht - müssen die Kinder auch nachts raus und laufen oder Kniebeugen machen.

Der Psychiater Tao Ran, ein Offizier der Volksbefreiungsarmee, behandelt nach diesem Schema seit 2004 Kinder. Seine Idee: militärische Disziplin mit Therapiemethoden zu verbinden. Ihm zufolge verlassen drei von vier Kindern das Camp geheilt.

Das hat alles nichts gebracht

Auch Liu Jiang war mit 14 Jahren in einem solchen Boot Camp. Gebracht hat das alles nichts, sagt er. Die Beziehung zu seinen Eltern hat sich durch das Boot Camp sogar noch verschlimmert: "Ich war so wütend auf sie, weil sie mich in dieses Gefängnis geschickt haben. Es hat nicht mal was gebracht: Als ich wieder zu Hause war, hab ich weiter gespielt."

Seit inzwischen zehn Jahren gibt es diese Form der Boot Camps für internetsüchtige Kinder und Jugendliche. Seither wurden etwa 6000 behandelt. Liu Jiang ist heute 22 Jahre alt. Er spielt zwar immer noch am Computer, aber er hat sich unter Kontrolle, sagt er.