Wie sich ein Leben in Sarajevo während des Krieges anfühlte, das wissen nur die, die damals dort lebten. Einer von ihnen, ein junger Bosnier, will diese Erfahrung weiter geben. In seinem Elternhaus im Zentrum von Sarajevo hat er das "War Hostel" eingerichtet. Unser Kollege Christoph Kersting war dort zu Gast.

Am 5.  April 1992 begann das Martyrium von Sarajevo, der heutigen Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Genau 1.425 Tage wurde die Stadt in der Folge von der jugoslawischen Bundesarmee belagert – die längste Belagerung im 20. Jahrhundert überhaupt. Für die 400.000 Bewohner war es die Hölle: kaum Essen und kaum Wasser. Ohne Heizung und in ständiger Angst vor serbischen Heckenschützen. Die Spuren des Krieges sind auch heute - über 20 Jahre nach Ende des Bosnienkrieges - noch überall sichtbar, in Form von Einschusslöchern in vielen Häuserfassaden. 

Dieses "War Hostel", sagt unser Reporter, ist schon ein bizarrer Ort. Zunächt einmal ist es gar nicht so einfach zu finden - man muss sich mit Stadtplan oder Google Earth durchschlagen. In dem zweistöckigen Wohnhaus im Zentrum von Sarajevo begrüßt Arijan Kurbasic die Gäste. Arijan ist 25 Jahre alt. Im Hostel nennt er sich "Zero One" - das war der Codename seines Vaters - und trägt Uniform: Als unser Reporter Christoph dort ist, die eines UN-Blauhelm-Soldaten mit schusssicherer Weste und Stahlhelm.

Schlafen auf dem Boden

Im Hosten gibt es drei oder vier Räume, in denen man übernachten kann - auf dem Boden, auf Schaumstoffmatratzen mit grauen Militärdecken. Die Fenster sind verdunkelt, an den Wänden gefakte Einschusslöcher. Zeitungsartikel aus den Jahren des Krieges 1992 bis 1995 liegen herum, dazu ein großes Transparent, auf dem steht „Pazi! Snajper“ - „Achtung! Heckenschützen.“ Und: Quasi m ganzen Haus sind aus dem Off Gewehrschüsse und Bombeneinschläge zu hören. Den Sound des Krieges hat Arijan aus dem Internet kopiert.

Warum betreibt Arijan so ein Hostel?

Arijan möchte, dass das Ganze ein Lernort wird für Leute, die etwas über den Krieg erfahren wollen. Und das eben nicht nur anhand von Büchern, Museen oder Filmen. Es geht ihm darum, eine sehr persönliche Erfahrung zu machen. "Education" ist ein Begriff, den Arijan immer wieder gebraucht, das ist ihm ganz wichtig.

Das Hostel ist ein also ein Lernort für die Besucher, aber auch für ihn und seine Familie eine Art, mit diesem traumatischen Krieg umzugehen. Arijan wurde kurz vor dem Krieg, 1991, geboren. Er hat - das erzählt er unserem Reporter - durchaus Erinnerungen aus der Zeit, als er vier, fünf Jahre alt war. Für ihn war der Krieg die erste und entscheidende Lebenserfahrung. Er dachte damals, dass Bomben und Leben in verdunkelten Räumen das normale Leben seien.

Kein Kriegsspiel sondern Erinnerung 

Es gibt durchaus hier und da Einträge im Online-Gästebuch, die Kriegsspiele unterstellen. Arijan sagt aber: 

"Wir spielen keinen Krieg. Sondern wir haben diesen Krieg am eigenen Leib miterlebt, haben Freunde und Verwandte verloren."
Arijan Kurbasic, Betreiber des "War Hostel"

Reporter Christoph kommt zu dem Schluss: 

"Man merkt sehr schnell, dass es im War Hostel nicht um so etwas wie Abenteuerurlaub geht. Arijan ist ein eher zurückhaltender, ziemlich leiser und bedächtiger Typ, und das kommt sehr ehrlich rüber."
Christoph Kersting, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Wird das War-Hostel tatsächlich gebucht?

Im Sommer sind oft zwei Drittel der Schlafplätze belegt. Das Hostel ist auch ziemlich günstig: Eine Übernachtung kostet zwischen 10 und 20 Euro, je nach Art des Zimmers. Als Reporter Christoph dort war, waren nur zwei Gäste da. Ein junger Norweger, den es eher zufällig ins Hostel verschlagen hatte, und eine niederländische Studentin, die ihre Masterarbeit über Kriegstourismus schreibt. Es kommen aber – so sagt Arijan – auch Menschen, die den Krieg auf serbischer oder kroatischer Seite selbst erlebt haben.

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