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Das absurde Familienepos "Scherbentanz" von Chris Kraus erschien erstmals 2002, wie auch der Film zum Buch, mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle, als Rock tragender und an Leukämie erkrankter Sohn Jesko.

Der Rock, oh Gott, ja, der wird für mehr Geschwätz sorgen, als die Tatsache, dass Jeskos Mutter, die er zwanzig Jahre lang nicht mehr gesehen hat, nämlich: seit dem Tag, an dem sie in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen worden war, verletzt und apathisch auf einer Tischtennisplatte liegt.

Sie soll versucht haben, Jeskos Vater die Kehle durchzuschneiden. Tatsache ist: Jesko verwundert diese Szenerie weniger als erwartet. Was hatte er erwartet? Versöhnung zwischen Vater und Sohn? Vergebung aller Verletzungen und ewige Geschwisterliebe?

"Jesko ist kein Träumer. Er schafft Tatsachen. Und er ist Modedesigner."
Lydia Herms über den Protangonisten Jesko

Jesko ist kein Träumer. Er schafft Tatsachen. Und er ist Modedesigner. Er hasst Hosen so sehr, wie er die Enge in seiner Familie. Trotzdem hat ihn eine unbestimmte Hoffnung zurück in die Festung geführt. Und trotzdem schneidert er sich dort auf Bitte seines Vaters unmögliche Hosen. Was ist das, das ihn schließlich doch in die Knie zwingt. Was macht diese Familie mit ihm?

Ohne seine Mutter wird Jesko sterben

Fakt ist: Ohne eine Knochenmarkspende wird Jesko mit Mitte dreißig das Zeitliche segnen. Und plötzlich begreift er, warum seine Mutter wieder da ist. Warum der Vater sie holen ließ: weil sie vielleicht eine Spenderin ist.

Jesko ist angewidert. Er stirbt lieber, als von ihr irgendwas anzunehmen. Auch wenn das bedeuten wird, Charlotte zu verlieren, beziehungsweise sie ihn, seine kleine Tochter. Naja, und auch Zitrone, Ansgars Freundin, die eigentlich Simone heißt und die Jesko zuerst für eine belanglose Tussi mit Helfersyndrom hält.

Er weiß da aber noch nicht, dass er ihre Hilfe brauchen wird, Zitrones – und Charlottes. Dass die Aussicht auf das baldige Ableben nicht alles leichter macht, oder egaler. Und dass ihm wirklich niemand vorschreiben darf, welche Klamotten er trägt.

"Scherbentanz“ von Chris Kraus, Diogenes, 250 Seiten, Taschenbuch: 13 Euro, ein Hörbuch (2020, gelesen von Florens Schmidt) und eine Verfilmung (2002, mit Jürgen Vogel als Jesko) gibt es auch.