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Zwei Tage vor der Bundestagswahl ist der Abstand zwischen Union und SPD laut Umfragen knapp. Die Grünen haben kaum noch Chancen auf den Sieg. Für eine neue Regierungskoalition könnte das Abschneiden von FDP, Grünen und der Linken entscheidend sein.

Thorsten Faas, Politikwissenschaftler von der Freien Uni Berlin beobachtet den Wahlkampf. Er erklärt, dass er großes Vertrauen in die deutsche Wahlforschung hat und glaubt nicht, dass sich die Ergebnisse am Wahltag stark von den aktuellen Umfragen unterscheiden. "Mit Blick auf Briefwähler*innen könnte man sogar sagen, die bringen zusätzliche Trägheit in das ganze System. Die Stimmen tragen daher zu stabilen Umfrageergebnissen teil", sagt er.

"Eigentlich haben wir sehr gute Umfragequalitäten in Deutschland. Insofern ist mein Vertrauen durchaus hoch."
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler

Man könne trotzdem nicht ganz ausschließen, dass es bis zum Ende spannend bleibt. Das liege an der Dynamik in diesem Wahlkampf, erklärt Thorsten Faas. Wenn sich Wähler*innen umentscheiden oder sehr spät wählen, kann es am Wahlabend ein anderes Ergebnis als in der Prognose geben.

Unübersichtliche Koalitionslandschaft

Da die Koalitionslandschaft in Deutschland unübersichtlich geworden sei, erkennt Thorsten Faas die Strategie bei allen Parteien, sich nicht zu früh auf einen Partner festzulegen. "Man muss einfach sehen: Es ist so viel in so viele Richtungen möglich", sagt er.

Die Debatte um eine mögliche Rot-Grünen-Koalition findet der Politikwissenschaftler zäh. Sie sei zu sehr davon geprägt, was eine Partei ausschließt – und was am Ende übrigbleibt, sagt Faas.

"Insofern war der Versuch von Olaf Scholz zu sagen, dass er eigentlich Rot-Grün als Kern seiner zukünftigen Koalition will, ein Versuch, eine positive Dimension in das Ganze reinzubringen."
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler

Da Rot-Grün allein am Ende nicht reichen wird, bleibt für Thorsten Faas die Frage, wer das Bündnis ergänzen könnte im Fall eines Scholz-Wahlsiegs. Politikwissenschaftler Thorsten Faas erklärt, dass SPD-Kandidat Olaf Scholz versucht habe, der FDP an der einen oder anderen Stelle eine Brücke zu bauen. "In letzter Konsequenz geht es aber nicht nur um Olaf Scholz. Letzten Endes müssen alle drei Parteien mitgenommen werden", sagt Faas.

Flügel bei FDP, Grünen und SPD

Politikwissenschaftler Thorsten Faas geht davon aus, dass es bei SPD, Grünen und FDP Flügel gibt, die sich das vorstellen können. Gleichzeitig gibt es in den drei Parteien aber auch Mitglieder*innen, die in eine andere Richtung wollen. Thorsten Faas geht davon aus, dass es lange und zähe Verhandlungen geben wird, die ins Detail gehen. Das sollte Olaf Scholz als erfahrener Finanzminister, so der Politikwissenschaftler, jedoch im Falle eines Sieges hinbekommen. Aber auch für Armin Laschet sieht Thorsten Faas noch Chancen im Kampf um die Kanzlerschaft.

"Die einzige Perspektive für Armin Laschet an die Macht zu kommen – wenn man den aktuellen Umfragen glaubt – ist ein Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen. Formal spricht nichts dagegen, wenn es mathematisch reicht."
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler

Für den Unions-Kandidaten werde es eher schwierig, es politisch-kommunikativ zu vermitteln, sollte es für eine Jamaika-Koalition unter seiner Führung reichen. Armin Laschet liegt in der Direktwahlfrage weit hinter Olaf Scholz. "Wenn er dann auch noch mit seiner Partei möglicherweise deutlich hinter der SPD liegt, wird es auch Signale aus der Union heraus geben, dass es nicht wirklich ein Regierungsauftrag ist", sagt Faas.

Das politische Schicksal von Armin Laschet hängt an dieser Wahl

Armin Laschet wird versuchen, Kanzler zu werden, sagt Thorsten Faas. Das Schicksal von Armin Laschet in der Politik hänge an dieser Wahl: "Ansonsten könnte es mit der politischen Karriere Armin Laschets am Sonntag vergleichsweise schnell zu Ende gehen."

In jedem Fall bleibt es auch nach der Wahl spannend, sagt Thorsten Faas. Ob es ein Zweier- oder Dreierbündnis gibt nach der Wahl, bleibt abzuwarten.

"Ob wir vor Weihnachten eine neue Regierung haben werden, ist ganz schwer vorauszusagen. Beim letzten Mal hat bis Januar gedauert. Wir sollten uns darauf einstellen, dass es eine Weile dauern wird."
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler

Dass es ein Zweierbündnis gibt, glaubt der Politikwissenschaftler nicht: "Was sein kann ist eine Große Koalition aus SPD, CDU und CSU, wie wir sie jetzt haben." Er vermutet, dass es eher in eine andere Richtung gehen wird.