Die Wahlbeteiligung von Deutschen mit Migrationshintergrund liegt unter dem Durchschnitt. Die türkischstämmige Linken-Politikerin Elif Eralp will das ändern – mit Haustürbesuchen am migrantisch geprägten Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg.

Die Wahlbeteiligung unter Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist in Deutschland besonders gering, sagt Thomas Schimmel, der sich an der Uni Meißen mit dem Verhältnis von Staat und Minderheiten beschäftigt. Vom klassischen Wahlkampf fühlten sich bestimmte Gruppen schlicht nicht angesprochen.

"Ich glaube, dass persönliche Ansprache nötig ist, dass wir in die Moscheen gehen, in die Kulturvereine, in die Sportvereine. Da muss man hingehen."
Thomas Schimmel, Politikwissenschaftler

Besonders erfolgversprechend ist die persönliche Ansprache, um die Wahlbeteiligung von Deutschen mit Migrationshintergrund zu erhöhen, sagt Thomas Schimmel.

Diese Strategie verfolgt die türkischstämmige Politikerin Elif Eralp in Berlin-Kreuzberg. Die Kandidatin der Partei Die Linke, die für das Berliner Abgeordnetenhaus kandidiert, verteilt Wahlkampfflyer und Ballons an die Passanten auf der Straße.

"Wie? Es ist Bundestagswahl?"

Viele der türkeistämmigen Anwohnerinnen und Anwohner in Kreuzberg hätten es allerdings "noch gar nicht so mitbekommen" und sie gefragt, wofür die Flyer denn seien. Obwohl die Medien scheinbar voll davon sind, gebe es immer noch viele Menschen, die noch nicht darüber Bescheid wissen.

"Wir haben bei den Haustürgesprächen gemerkt, dass die Menschen gesagt haben: Mit Politik habe ich nichts zu tun, interessiert mich auch nicht."
Elif Eralp, Politikerin

Elif Eralp geht zu den Menschen nach Hause und klingelt an der Tür. Sie besucht einen Block mit Sozialwohnungen in schlechtem Zustand. Über die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner dort hat einen Migrationshintergrund. Die Beteiligung bei den letzten Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus lag hier bei 38,2 Prozent.

Politik interessiere sie nicht, würden viele Menschen als erstes sagen. Doch wenn man sie dann frage "Was stört Sie? Was ist Ihnen wichtig?", dann würden sie eben alle Themen aufzählen, die sehr wohl mit politischen Entscheidungsprozessen zu tun haben – zum Beispiel zu hohe Mieten, schlecht bezahlte Jobs oder keine Ausbildungsplätze.

Elifs Sprache öffnet Türen

Alle Menschen, mit denen sie an der Tür gesprochen habe, konnten auch Deutsch, erzählt Elif Eralp. Trotzdem hätten sehr viele mit ihr auf Türkisch gesprochen.

"Türkisch war für sie ein Gefühl von: Wow, wir gehören zusammen, wir haben eine Migrationsgeschichte und sind von bestimmten Sachen betroffen und das eint uns irgendwie."
Elif Eralp, Politikerin

"Haydi, icere gel" – "Komm rein!", sagt eine vielleicht 35-jährige Frau. Die Wohnung hinter der Tür ist blitzsauber, an der Wand hängen von Plastikdiamanten eingerahmte Spiegel neben Hochzeitsfotos. Ob sie wählen geht? Aysegül schüttelt den Kopf.

"Ich bin niemand, der sich einmischt. Ich höre eher zu. Aber Probleme haben wir genug. Guckt euch um: Alles liegt voll Müll hier, vor meiner Haustür nehmen sie Drogen, die Mieten steigen immer weiter. Wenn das wer ändern kann, dann geb ich ihm meine Stimme."
Frau aus Berlin-Kreuzberg

Zehn Minuten und zwei Gläser Cay später ist Aysegül überzeugt: Am 26.9. will sie wählen gehen - weil Elif Eralp die erste Politikerin ist, die je an ihrer Tür geklingelt und ihr zugehört hat. "Möge Allah dich die Wahlen gewinnen lassen", wünscht sie ihr zum Abschied. "Du bist schließlich eine von uns." Dieser Eindruck, weiß Elif Eralp, wiegt hier oft mehr als jedes politische Argument.

Im besten Fall, so Elif Eralps Hoffnung, werden durch den Haustürwahlkampf aus langjährigen Nichtwähler zum ersten Mal Wähler.