Carmen liebt Star Trek und Mathe. Ihr größter Traum: Astronautin werden. Aber nach dem Abi macht sie eine Ausbildung zur Friseurin und vergisst den Traum. Bis eines Tages ein Professor zum Haare schneiden in den Salon kommt. Er und ein paar andere Menschen werden Carmens Lebensweg prägen.

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Die eigene Seite in der Abizeitung, die kann ultra peinlich sein. Weil sie schonungslos zeigt, wer wir früher waren. Wie wir ausgesehen haben. Wer unsere Freunde waren. Und – vor allem – was wir aus unserem Leben mal machen wollten.

Bei manchen Menschen gibt es da keine Überraschung, die wollten schon immer Arzt oder Juristin oder Goldschmied werden – und werden das dann auch! Bei anderen Leuten geht das Leben aber einen anderen Weg. Die nehmen sich mit 18 was Bestimmtes vor – und sind mit 38 was völlig anderes. Zu dieser zweiten Kategorie gehört Carmen. Und genau deshalb will ich ihre Abizeitung sehen.

Wir sind bei Carmen zu Hause verabredet, in Berlin-Charlottenburg. Als wir uns treffen, ist nicht nur Carmen da, sondern auch ihr Kumpel Robert. Mit dem ist sie zur Schule gegangen: John-F.-Kennedy, damals ne deutsch-amerikanische Gesamtschule in Berlin-Zehlendorf.

Anne: Wollen wir uns mal die Abizeitung angucken?

Carmen: Hehe

Anne: Habt ihr seit eurem Abi nochmal reingeguckt?

Carmen: Gemeinsam glaub ich nicht – an was haben wir denn Interesse?

Anne: Was war euer Motto?

Carmen: Those were the days, 99. Abi 99.

Robert: Und dann hat jeder eine Seite selbst gestaltet.

Die Seite von Carmen ist eine Fotocollage in schwarz-weiß, 90er-Jahre-Photoshop-Ästhetik. Da drauf ist natürlich Carmen selbst zu sehen: Damals ein schmales, blondes Mädchen, ziemlich groß, ein bisschen unscheinbar. Vor allem sind da aber viele Fotos von ihren Freundinnen und Freunden.

Mit all diesen Menschen aus der Abi-Zeitung ist sie bis heute in Kontakt. Und das sagt viel aus über Carmen: Sie ist ein sozialer Typ. Eine, die Freundschaften pflegt, sich um andere kümmert. Und sich von anderen Unterstützung holt. Und das hat für sie auch im Job immer eine wichtige Rolle gespielt.

Carmen: Ich mach das gerne, dass wenn ich mich entscheide zu irgendwas, dass ich das mache und durchziehe und gucke solange es mir gut geht dabei. Und wenn ich merke okay, jetzt muss ich was ändern, dann setz ich mich mit Leuten zusammen. Weil ich finde, dass man da sehr viel Impulse bekommt, und auch aufs Bauchgefühl hören kann. Und dann merk ich so, auf den Moment warte ich irgendwie, wenn ich merke, ok, das Richtige wird gesagt, wenn ich spüre: Jawoll, das kann ich mir total gut vorstellen, dann merke ich, dass die Leidenschaft irgendwie angefeuert wird und das möchte ich dann machen.

"Wenn ich merke okay, jetzt muss ich was ändern, dann setz ich mich mit Leuten zusammen. Weil ich finde, dass man da sehr viel Impulse bekommt und auch aufs Bauchgefühl hören kann."
Carmens Freunde helfen ihr bei wichtigen Entscheidungen

Und ihre erste Leidenschaft, die steht auch hier in der Abizeitung.

Carmen: Da hab ich "Where do you see yourself in ten years?" Als eine Star-Visagistin in Hollywood.

Das ist Carmens Jugend-Traum. Sie will Maskenbildnerin werden. Am liebsten beim Film! So Piraten lange Bärte ankleben. Oder sich vielleicht sogar für Star Trek irgendwelche Aliens ausdenken. Weil Carmen ist nämlich großer Star-Trek-Fan.

Carmen ist eine Frau der großen Träume. Deswegen – klar! – die Raumfahrt, zu den Sternen aufbrechen – oder zumindest mal zum Mond fliegen – das findet Carmen natürlich auch ziemlich cool. Aber als Berufswunsch? Nein! Da bleibt Carmen doch eher realistisch. Und mit der Maskenbildnerei hat sie tatsächlich schon Erfahrung.

Kapitel 1: Carmen und die Maskenbildnerei

An ihrer Schule ist Carmen quasi die inoffizielle Schul-Maskenbilderin. Einmal steht das Broadway-Musical "Into the Woods" auf dem Programm, da geht es um ein Paar, das von einer Hexe verflucht wurde. Die spielt Carmens Freundin Lilian.

Lilian: Und Carmen hat mich immer geschminkt. Da haben wir immer so viel gelacht, das war so der Start unserer Freundschaft.

Carmen: Das erste Versuchsobjekt.

Es gibt Vorher-Nachher-Fotos von der Aufführung, und das ist schon ziemlich beeindruckend, wie Carmen dieses freundliche Mädchen mit Stupsnase, Lillian, zu ner fiesen Hexe macht, mit einer riesigen Hakennase und ner Warze drauf.

Für die Schul-Musicals gibt es manchmal Unterstützung von Profi-Maskenbildnerinnen, von der Deutschen Oper in Berlin. Carmen fragt sie aus, um mehr über den Job zu erfahren. Und obwohl die sie warnen, vorm vielen Sitzen und den Besenreißern, bleibt sie dabei: Sie will Maskenbildnerin werden. Und damit ist Carmen ist in ihrem Freundeskreis die einzige, die einen klaren Berufsweg vor Augen hat. Und weil sie das Abi dafür eigentlich gar nicht bräuchte, geht sie die restliche Schulzeit ganz entspannt an, sie ist eine mittelmäßige Schülerin. Und nach dem Abi fängt sie direkt mit der Ausbildung zur Frisörin an. Das ist Voraussetzung für die Maskenbildnerei. In dem Friseursalon trifft Carmen dann aber den ersten Menschen, der ihr Leben verändern wird.

Der Friseursalon ist auf dem Berliner Ku'damm, "The Art of Hair", wer reinkommt, der steht damals vor so ner Rezeptionstheke aus gebürstetem Metall. Und hier muss Carmen richtig schuften – für verdammt wenig Geld. Gerade war sie noch auf Abireise, ist mit ihrer Clique um die Häuser gezogen, und plötzlich hat sie eine 60-Stunden-Woche, sitzt lange Abende im Salon und übt Haarschnitte. Und das Ganze für gerade mal 400 D-Mark, also 200 Euro pro Monat im ersten Lehrjahr.

Robert: Als du deine Ausbildung gemacht hast, da hast du mir auch Leid getan, also wir hatten studiert, hatten ein entspanntes Leben. Und wahrscheinlich mit so Studentenjobs, sind wir besser über die Runden gekommen, als was Carmen für nen richtig, richtigen Knochenjob bezahlt wurde.

Heute gibt es den Salon nicht mehr, aber so um das Jahr 2000 rum, kommt da das gehobene Publikum hin: Schauspieler, Politiker und Professoren. Und an genau diesem Ort, zwischen Scheren und Rundbürsten, schneidet Carmen eines Tages einem Stammkunden die Haare, einem Wirtschafts-Professor von der Berliner Humboldt-Universität.

Kapitel 2: Der Professor

Carmen: Und er hatte dann gefragt, "Sie sind ja Friseurin, was lesen Sie denn?", und dann meinte ich ja, ich lese, "Fermats letzten Satz". Das ist ein Buch über einen mathematischen Beweis, und da war er ganz verwundert, er so "Wie, interessiert Sie Mathematik?" Und da meinte ich "Ja, und wenn ich studieren würde, würde ich Mathe studieren, aber ich glaube, dass ich dazu nicht das Zeug besitze". Und dann meinte er, "Ja, aber wenn man das Interesse hat an Mathe und den Spaß daran, dann sollte man das auf jeden Fall machen, weil es viel zu wenig Leute gibt, die das machen wollen." Und daraufhin hat er mir immer Mathe-Programme mitgebracht oder mich halt jedes Mal motiviert und bestärkt darin, dass ich das machen soll.

Dieser Professor, der bringt Carmen tatsächlich ins Grübeln. Sie mag Mathe zwar, das Logische dahinter, das begeistert sie. Mit einem Kumpel philosophiert sie immer mal wieder über mathematische Probleme. In der Schule war sie sogar eine Weile im A-Kurs in Mathe, dem höchsten Level. Aber mehr traut sie sich nicht zu. Und das liegt ironischerweise auch an der Schule.

"Dann meinte er: "Ja, aber wenn man das Interesse hat an Mathe und den Spaß daran, dann sollte man das auf jeden Fall machen, weil es viel zu wenig Leute gibt, die das machen wollen."
Carmen über das Gespräch mit dem Professor, der zu ihr in den Salon kam

Carmen: In der Zeit habe ich auch ziemlich viel im Unterricht gequatscht und dann immer, wenn ich gequatscht habe, wurde ich dann rangenommen und dementsprechend hat es das dann auch ein bisschen negativ verstärkt, weil ich dann natürlich die Antworten nicht wusste.

Und jetzt kommt noch etwas anderes dazu: Es gibt nämlich einiges, was sie an ihrer Situation damals stört. Sie ist sich nicht sicher, ob das überhaupt klappen wird mit der Maskenbildner-Ausbildung, ob sie überhaupt einen Platz bekommt – sie muss sich dafür nochmal extra bewerben. Sie verdient kaum was. Körperlich ist der Job ziemlich anstrengend. Und sie fühlt sich geistig nicht genug gefordert. Der Anstoß des Professors, der kommt da irgendwie zur richtigen Zeit. Das Problem ist nur: Sie weiß nicht, ob sie das hinkriegt mit Mathe. Und wo sie damit überhaupt hin will. Und das rauszukriegen, dabei hilft ihr der zweite wichtige Mensch: Lilian.

Kapitel 3: Lilian

Lilian ist die alte Freundin von Carmen, die sie zu Schulzeiten mal zur Hexe geschminkt hatte. Die beiden sind immer noch eng in Kontakt. Und dann gibt es da diesen einen, besonderen Abend, an dem sie zusammen unterwegs sind, auf einer Party von dem Plattenlabel, für das Lilian arbeitet. Carmen unterhält sich gut mit einem Kollegen aus dem Controlling.

Lillian: Irgendwann waren wir im Schwarzen Café in Berlin und haben da bis nachts gequatscht irgendwie, und da haben wir dann darüber gesprochen, vielleicht wäre ja Controlling was, was sie auch interessieren könnte.

"Sie ist sehr strukturiert und ist auch ein super Coach für so was und hat dann aufgeschrieben, was so meine verschiedenen Bereiche sind. Wo ich gut drin bin und so und dann am Ende kam raus: Carmen, du musst Mathe studieren.
In Gesprächen mit Freundin Lillian findet Carmen heraus, dass sie Mathe studieren will

Carmen: Also, sie ist sehr strukturiert und ist auch ein super Coach für so was, und hat dann aufgeschrieben, was so meine verschiedenen Bereiche sind, wo ich gut drin bin und so und dann am Ende kam raus, Carmen, du musst Mathe studieren. Und dann, das war dann morgens um sechs Uhr glaube ich im Schwarzen Café, okay dann mache ich das wohl, und dann habe ich das gemacht.

"Und dann habe ich das gemacht" – so wie Carmen das hier erzählt, klingt das wie ne einfache Entscheidung. Stärken, Schwächen, Strich drunter, fertig. Ganz so einfach war es bestimmt nicht. Aber Carmen ist ja ziemlich gut darin, sich Unterstützung zu holen.

Diese Nacht im Schwarzen Café, mit Lilian, die verändert Carmens Leben komplett. Carmen schreibt sich tatsächlich zum nächsten Semester für Mathematik ein, an der Freien Universität in Berlin. Ihre Frisör-Ausbildung ist da schon vorbei. Und sie hat plötzlich ein völlig neues Leben.

Carmen: Also ich war halt so: Wie, ich muss nur vier Stunden am Tag zur Uni? Wie toll ist das denn! Das war schon ein absoluter Luxus nach so einer Ausbildung.

"Also ich war halt so: Wie, ich muss nur vier Stunden am Tag zur Uni? Wie toll ist das denn! Das war schon ein absoluter Luxus nach so einer Ausbildung."
Nach der Friseur-Ausbildung beginnt Carmen ein Mathe-Studium

Für Carmen ist das ne Zeit der Freiheit. Sie geht viel feiern. Aber trotzdem sitzt sie in jeder Vorlesung, auch morgens um neun. Und muss sich ganz schön durchbeißen.

Carmen: Am Anfang des Mathestudiums dachte ich auch, ich schaff's auf keinen Fall. Also diese Formeln habe ich halt komplett geliebt, aber ich hatte da immer noch das Gefühl, dass ich es nicht schaffe, ne, dass ich das nicht kann. Ja, da muss man dann erst mal langsam reinwachsen.

Und das dauert, aber Carmen wächst rein: Sie strengt sich an. Und im Laufe des Studiums wird sie immer besser. Ein Problem ist aber noch nicht so ganz gelöst: Wo will sie eigentlich hin mit Mathe?

Carmen ist jetzt Studentin. Und das bedeutet nicht nur: mehr Freizeit, mehr Feiern, sondern auch mehr Freiheit im Kopf. Die Idee mit dem Controlling, aus der Nacht im Schwarzen Café, die überzeugt sie nicht mehr. Sie denkt jetzt größer, manchmal sogar wieder ganz groß, da ist der Traum vom Mond und den Sternen wieder da. Und zwar so präsent, dass sie sogar Leuten aus dem Studium davon erzählt. Aber, klar, total unrealistisch.

Es gibt aber noch diesen zweiten Traum, der deutlich realistischer klingt: Flugzeuge! Das Fliegen an sich. Die Technik dahinter. Darauf stößt sie, als sie bei ihrem Kumpel Oliver zu Besuch ist. Er ist die dritte Schlüssel-Person, die Carmens Leben eine neue Wendung gibt.

Kapitel 4: Oliver

Carmen: Da war ich bei einem Kumpel zu Hause und der hatte so die Flug-Revue da liegen, mit den Kampfflugzeugen und so, und dann war da auch Cape Canaveral, wo immer die Raketen starten. Und dann dachte ich auch, ist halt spannend in Florida mit dem Cape Canaveral mit dem ganzen Wetter und so mit den Wolken, ist ja dann abhängig, wie die starten können. Das fand ich total spannend.

Die Flug-Revue, das ist ein Magazin über Luft- und Raumfahrt.

Zum Fliegen braucht man eine anständige Wettervorhersage, Wolken fand Carmen auch schon immer toll – und so kommt sie auf ihr Nebenfach: die Meteorologie.

Anne: Flug-Revue! Hab ich noch nie gehört.

Carmen: Hab ich auch regelmäßig gelesen.

Robert: Stell dir mal vor, wenn da eine andere Zeitschrift gelegen hätte! Die Bäcker-Blume!

Carmen: Es liegen ja überall Zeitschriften rum, und dann guckt man halt wieder: Was spricht einen an.

Anne: Trotzdem eine lustige Vorstellung.

Das klingt wirklich ein bisschen lustig – so, als ob Carmen auf jede Idee von außen sofort aufspringen würde. So ist das natürlich nicht. Klar, sie reagiert auf Anregungen von anderen, auch auf kleine Dinge – aber die müssen zur richtigen Zeit kommen.

"Es hat sich immer alles sehr sehr gefügt, so was ich mir halt gewünscht habe, das ist dann eigentlich immer ganz gut eingetreten."
Carmen

Und Oliver und die Flug-Revue die kommen zur richtigen Zeit. Und bringen Carmen einen großen Schritt in Richtung Luft- und Raumfahrt. Wetter und Flugzeuge, das ist ihr Ding. Und als ein Kollege ihr vorschlägt, einen Doktor zu machen, an genau dieser Schnittstelle – da wird tatsächlich so eine Stelle ausgeschrieben.

Carmen: Es hat sich immer alles sehr sehr gefügt, so was ich mir halt gewünscht habe, das ist dann eigentlich immer ganz gut eingetreten.

Anne: Witzig, dass da schon wieder jemand war, der so ne Idee hatte, was für dich gut sein könnte!

Kapitel 5: Flo

Carmen ist jetzt so Anfang 30. Und hat schon einiges geschafft. Aus der Friseurin ist eine Mathestudentin geworden, aus der Mathestudentin eine Doktorin in der Physik der Atmosphäre. Und inzwischen arbeitet sie beim Deutschen Wetterdienst. Ein Traum begleitet Carmen aber schon seit vielen Jahren – der Traum vom Mond. Und jetzt kommt dieser Traum wieder hoch.

Und weil Carmen ja anderen erzählt, was sie beschäftigt, sitzt sie nach einer Konferenz am Flughafen, mit ihrem Kollegen Flo, sie trinken Bier. Und Carmen erzählt ihm davon, dass sie in einer perfekten Welt, in der es keine Schranken gibt und keine Hindernisse, am liebsten Astronautin wäre. Und kurz drauf bekommt sie eine E-Mail. Von Flo. Und diese E-Mail, die macht Flo zur vierten Schlüssel-Person in Carmens Leben.

Er schreibt nämlich, wenn sie schon nicht Astronautin wird, dann vielleicht wenigstens Analog-Astronautin. Und er leitet ihr einen Aufruf weiter vom Österreichischen Weltraumforum. Die suchen damals gerade nach Astronauten, die auf der Erde bleiben, und dort Missionen simulieren, Ausrüstung testen, Experimente durchführen. Das Bewerbungsverfahren dafür ist natürlich ziemlich aufwändig.

Aber: Carmen macht da mit. 600 Tests müssen die Leute überstehen. Zum Beispiel so was: Im Erdgeschoss ist ein Schraubenzieher und im sechsten Stock soll Carmen was zusammenbasteln. Sie hat zusätzliche Ausrüstung am Körper, so um die 10 Kilo wiegt, und damit muss sie die ganzen Stufen runterrennen, den Schraubenzieher holen, wieder hochrennen, was aufschrauben, Kabel miteinander verbinden, wieder runterrennen, den Schraubenzieher zurückbringen und wieder hochrennen. Und dabei wird die Zeit gestoppt. Und das Krasse ist: Das klappt. Sie wird genommen! Plötzlich ist Carmen Analog-Astronautin.

Ihre erste Mission führt sie auf nen Gletscher in Österreich. Und die zweite dann in den Oman, das war 2018.

Carmen: Das hat unglaublich viel Spaß gemacht. Im Oman waren wir wirklich einen Monat in Isolation, Wüstengegend, und da ist ein ganz marsiges Gefühl letztendlich, da ist keiner, wenn man den Raumanzugsimulator an hat. Der wiegt 50 Kilo, und dann hört man die Ventilatoren im Hintergrund. Man hört kaum was, hat nur Kopfhörer auf und dann steht man da draußen in der Wüste. Wir hatten so ein total cooles Habitat: eine Kuppel, wie man das aus so Science-Fiction-Filmen kennt, dann sind wir mit den Quads rausgefahren, haben wissenschaftliche Experimente durchgeführt. Und dann kommst du zurück aufs Base mit den Kuppeln. Das war super super cool, man fühlte sich wirklich wie auf dem Mars.

"Das war super super cool, man fühlte sich wirklich wie auf dem Mars."
Carmen über ihre zweite Mission als "Analog-Astronautin"

Und an dem Punkt könnte Carmens Geschichte eigentlich aufhören. Denn – Analog-Astronautin! – das ist wirklich ziemlich nah dran am Traum vom Mond.

Kapitel 6: "Die Astronautin"

Aber dann gibt es noch einen anderen Aufruf. Dieses Mal für eine echte Mission – "Die Astronautin". Das ist eine Initiative, die die erste deutsche Frau ins Weltall schicken will, im Jahr 2020. Carmen ist ja der Typ: Wenn sich was gut anfühlt, dann läuft sie in diese Richtung. Und "Die Astronautin", das fühlt sich gut an. Ihr ganzer Weg, den sie in den Jahren davor zurückgelegt hat, der läuft eigentlich logisch darauf zu: Von Mathe über Flugzeuge und die Meteorologie zur Analog-Astronautin. Eigentlich hat sie sich immer weiter spezialisiert dafür, irgendwann mal wirklich ins All zu fliegen.

Aber eine Sache ist dieses Mal anders: Das erste Mal seit der Maskenbildner-Ausbildung gibt es dieses Mal niemanden, der ihr den Impuls dafür gegeben hat. Carmen erfährt alleine davon und bewirbt sich. Mit mehr als 400 anderen Frauen, die auch ins All wollen. Da sind Pilotinnen dabei, Astrophysikerinnen, Ärztinnen. Es gibt ein Gruppenfoto vor dem Brandenburger Tor in Berlin mit den Kandidatinnen, da tragen alle blaue Poloshirts mit dem Logo der Initiative, und strahlen in die Kamera.

Und am Anfang sieht es erst mal ziemlich gut aus für Carmen. Sie überspringt gleich die erste Auswahlrunde, ein Telefoninterview, weil sie zu den besten Bewerberinnen zählt und rutscht unter die Top neunzig.

Für die nächste Auswahlrunde muss sie nach Hamburg. Und so was Ähnliches hat sie ja schon mal mitgemacht, bei der Analog-Astronautin. Aber dieses Mal ist es ganz anders.

Carmen: Das war, für die Analog-Astronautin. Das war viel persönlicher, du hattest immer so ein Team um dich, die dann auch deine Persönlichkeit voll auseinandergenommen haben. Bei der Astronautin, das war dann wirklich DLR, das war so computergesteuert. Danach war halt noch so Gruppendynamik-Tests, aber letztendlich viel weniger als wir als Analog-Astronauten, und noch mal anders auch.

Carmen ist also in Hamburg, sie weiß das noch genau, das ist der Tag, an dem Donald Trump zum US-amerikanischen Präsidenten gewählt wird, 2016. Sie sitzt den ganzen Tag vor einem Computer und macht einen Test nach dem anderen. Da geht es zum Beispiel um Merkfähigkeit und Konzentration: Den Kandidatinnen werden lange Zahlenreihen vorgelesen: "One, two, five, nine, eight" und so weiter. Und irgendwann heißt es dann: Stopp! Und sie müssen rückwärts so viele Zahlen wie möglich aufschreiben, an die sie sich erinnern können. Das Doofe ist, Carmen geht es nicht gut an dem Tag, sie ist ein bisschen krank.

Es dauert dann ne ganze Weile, bis die Ergebnisse kommen. Carmen weiß, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt eine E-Mail kommen wird, die sagt: Du bist weiter. Oder eben nicht. Sie hat damals mit ein paar anderen Bewerberinnen eine Whatsapp-Gruppe, da halten sie sich gegenseitig auf dem Laufenden. Die Frauen sitzen an dem Tag, an dem das Ergebnis kommen soll, alle gleichzeitig vor dem PC, und klicken dauernd auf "neue E-Mails abrufen".

"Ich habe gerade probiert mich dran zu erinnern, ich bin ganz gut im negative Sachen Verdrängen, vielleicht bin ich deshalb auch immer so glücklich? Ich weiß, dass wir alle auf Dauer-Klick gemacht haben, und dann waren nämlich zwei von uns weiter und ich und eine andere nicht."
Carmen bewirbt sich als Astronautin – ohne analog

Carmen: Ich habe gerade probiert mich dran zu erinnern, ich bin ganz gut im negative Sachen Verdrängen, vielleicht bin ich deshalb auch immer so glücklich? Ich weiß, dass wir alle auf Dauer-Klick gemacht haben, und dann waren nämlich zwei von uns weiter und ich und eine andere nicht.

Und damit ist Schluss für Carmen. Und das hört man hier vielleicht nicht so, weil das schon eine Weile her ist, aber für Carmen ist das damals ein super harter Moment. Sie ist wirklich sehr sehr traurig – und jedes Mal, wenn sie den Mond sieht, dann kommen ihr die Tränen.

Carmen: Das war ganz schlimm, da ging es mir nicht so gut. Weil es ja schon dieser Traum war und ich dachte, wenn man schon mal die Möglichkeit hat im Leben, ne, dass man dem dann so nah kommt, dem Traum, dann ist das natürlich schade.

Anne: So wie ich das jetzt gehört habe, das war das einzige Mal, wo mal was nicht so geklappt hat, wie du es dir gewünscht hattest?

Carmen: Ja, das war auch das erste Mal, wo mir der Link auch nicht von außen zugespielt wurde. Da probiert man schon mal selber was zu machen und dann so was!

Heute ist Carmen für andere ein Vorbild

Aber Carmen schafft es, selbst aus dieser Niederlage etwas Positives zu ziehen.

Carmen: Und dann dachte ich okay, aber dann vielleicht war es dann nicht der richtige Weg, und jetzt bin ich halt dann trotzdem dabei.

"Und dann dachte ich okay, aber dann vielleicht war es dann nicht der richtige Weg, und jetzt bin ich halt dann trotzdem dabei."
Carmen

Und hier schließt sich der Kreis zum Anfang der Geschichte, Carmens Geschichte, zu der Zeit, als sie noch Maskenbildnerin werden wollte: Denn eine der beiden Astronautinnen, die am Ende ausgewählt werden, Insa Thiele-Eich, ist ebenfalls Meteorologin, und die beiden kannten sich schon vorher. Sie sind beide auf der Hochzeit einer Kollegin eingeladen. Carmen macht Haare und Make-up, und Insa Thiele-Eich fotografiert. Die beiden verstehen sich gut. Und als Carmen am Ende raus ist aus dem Bewerbungs-Prozess für die Astronautin, da fragt Insa, ob sie nicht für sie die PR machen möchte.

Carmen: Und ich so: Das muss ich jetzt mal kurz googeln, was man so macht als PR-Frau. Und dann meinte ich, hier, fühlte sich im Bauch gut an, und dann war ich dabei bei dem Projekt.

Und dass es diesen neuen Abschnitt in Carmens Leben gibt, das ist wirklich schräg, weil hier kommt echt alles zusammen: Carmen hat erst Mathe studiert, wurde Analog-Astronautin, hat sich vergeblich als "Die Astronautin" beworben – und dann bringt ihre Maskenbildnerei-Erfahrung mit Haaren und Make-up sie auf einen neuen Weg.

Heute unterstützt Carmen also andere Frauen auf deren Weg ins All. Sie ist mittlerweile unter anderem für das Bildungsprogramm von "Die Astronautin" zuständig. Klingt jetzt erst mal nach Trostpreis. Aber der Job macht sie mehr zur "richtigen" Astronautin, als es auf den ersten Blick aussieht.

Carmen: Zum Astronauten-Dasein gibt es zwei verschiedene Facetten. Zum einen das Abenteuerlustige und die Welt von oben zu sehen und diese ganze Action dahinter und in der Rakete zu sitzen. Es ist bestimmt supercool und Liftoff. Und das andere finde ich, dass man als Astronaut eine Riesen-Verantwortung der Menschheit gegenüber hat. Und dass man ein gutes Vorbild ist, und, dadurch, dass ich jetzt das Bildungsprogramm von die Astronautin leite, kann ich quasi die eine Seite von dem Astronauten-Dasein ausleben.

Und da entdeckt Carmen noch mal eine neue Seite an sich: Das Vorbild-Sein für andere, das ist ihr wichtig. Ihr hat in der Schule niemand gesagt, dass Mathe was für sie sein könnte. Vielleicht zeigt Carmen also jetzt jemand anderem einen neuen Weg. Vielleicht ist sie selbst die Schlüssel-Person, die so viele andere für sie waren. Wie der Professor im Frisör-Salon, ihre Freundin Lilian im Schwarzen Café, oder ihr Kollege Flo mit der Ausschreibung zur Analog-Astronautin. Den Weg vom Frisör-Lehrling zu Astro-Carmen, den gibt es, weil andere Menschen ihr immer wieder Impulse gegeben haben.

Carmen: Ich habe inzwischen in meinem Leben gelernt, dass die Sachen nie so kommen wie man sich's vorstellt und dementsprechend habe ich Träume auf jeden Fall. Ich habe Wünsche und freue mich darüber, wenn diese Träume oder Wünsche in Erfüllung gehen, aber ich weiß auch, dass sich diese verändern. Und, ich finde man geht immer den Weg, und wenn eine neue Tür sich öffnet, guckt man halt mal rein – und ich lass mich da auch ganz gerne treiben eigentlich.

"Und, ich finde man geht immer den Weg, und wenn eine neue Tür sich öffnet, guckt man halt mal rein – und ich lass mich da auch ganz gerne treiben eigentlich."
Carmen