Am 4. Juni 1989 wurden rund um den Platz des Himmlischen Friedens in Peking hunderte Menschen getötet. Doch vor allem junge Chinesen wissen kaum etwas über diesen Tag. Die Vertuschungstaktik der chinesischen Regierung geht offenbar auf.

Frühsommer 1989 in China: Sieben Wochen lang demonstrieren Millionen Menschen im ganzen Land gegen Korruption und für demokratische Reformen - am sichtbarsten auf dem Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens mitten in Peking. Am 4. Juni 1989 lässt die Regierung Panzer auffahren, die das Feuer auf die friedlichen Demonstranten eröffnen. Das Schweizer Rote Kreuz spricht von 2000 Toten. Offizielle Zahlen hält die chinesische Regierung bis heute unter Verschluss.

Erfolgreiche Gehirnwäsche

In Peking soll ein massives Polizeiaufgebot heute, am 25. Jahrestag des Blutbades, sichtbare öffentliche Gedenkaktionen verhindern. Die chinesische Führung will den 4. Juni 1989 aus dem kollektiven Gedächtnis streichen - und ist damit offenbar erfolgreich. Die umfassende staatliche Vertuschungstaktik funktioniere, sagt die Journalistin Xifan Yang im Gespräch mit DRadio Wissen.

"Ich kann nicht feststellen, dass hier irgendwer zur Zeit darüber redet."
Journalistin Xifan Yang erlebt in Shanghai, wie gut die offizielle Zensurpolitik in Sachen Tiananmen-Massaker funktioniert

In der Schule, auf der Straße, im Internet - nirgends darf offen über die Ereignisse vor 25 Jahren diskutiert werden. Schüler wüssten maximal, dass es 1989 in China "politische Unruhen" gab, berichtet Xifan. Und jetzt, zum Jahrestag, habe die Regierung ihre Zensuranstrenungen sogar noch einmal verstärkt: In der chinesischen Wikipedia fehle sogar das komplette Jahr 1989. Die Journalistin Xifan Yang ist Mitte 20, wurde in China geboren, hat in Deutschland studiert und gearbeitet und lebt seit 2011 in Shanghai. Wenn sie versucht, mit jungen Chinesen über die Ereignisse von damals zu sprechen, stoße sie teilweise auf Neugier - teilweise aber auch auf hartnäckige Ungläubigkeit.

Studenten vs. Soldaten

Einer, der den 4. Juni 1989 wohl nie vergessen wird, ist Jürgen Bertram. Der Journalist war damals ARD-Korrespondent in Peking, als die chinesische Armee brutal gegen Demonstranten vorging. Auf dem Weg zum Platz des Himmlischen Friedens sei ihm und seinem Team eine Studentin entgegen gekommen, erzählt Jürgen Bertram im Gespräch mit DRadio Wissen: Die junge Frau sei unter Tränen zusammengebrochen, als sie erzählte, welche Szenen sich im Stadtzentrum abspielten.

Jürgen Bertram war als Korrespondent in Peking, als die Demokratiebewegung niedergeschlagen wurde
"Die Ereignisse von damals sind so präsent, dass ich heute Nacht durch die Vorbereitung auf dieses Interview davon geträumt habe".

Besonders ein Bild von den Ereignissen rund um den Platz des Himmlischen Friedens ging um die Welt: Von einem Mann, der sich einem Panzer in den Weg stellte.

Mehr zum Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens:

  • Mit erschreckender Brutalität | Das Nationale Sicherheitsarchiv an der George Washington University hat bislang geheime Dokumente des US-Militärs zum Tiananmen-Massaker veröffentlicht.
  • As if nothing ever happened | Persönlicher Blogeintrag der Journalistin Xifan Yang zur Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung im Sommer 1989
  • Trauern verboten | Gemeinsames Webdossier von Weltspiegel und Suedeutsche.de zum Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens