Die chinesische Regierung möchte offenbar ein bestimmtes Menschenbild fördern. Sie steuert, welche Vorbilder und Idole der Bevölkerung der Volksrepublik China vorgesetzt werden - zum Beispiel starke, männliche Kämpfer.

Im August wurde die Song-Auswahl in chinesischen Karaoke-Bars begrenzt: Was auch nur eine Nuance hat, systemkritisch zu klingen oder nicht ins Bild passt, flog aus der Playlist. Letzte Woche dann gab es die Mitteilung der Behörden, die Helden in Computerspielen sollten "männlicher" sein. "Ungesunde Inhalte" und "verweichlichte Ästhetik" im Fernsehen wurden ebenfalls untersagt. Außerdem wurde die Videospielzeit für Kinder und Jugendliche auf drei Stunden pro Woche online beschränkt.

"Stabilisierung" der Gesellschaft

Der zunehmende Konservatismus samt seiner tradierten Rollenbilder, etwa im Hinblick auf Ehe und Familie, dient – einhergehend mit einer ideologischen Kontrolle und politischen Verschärfung – aus Sicht einer autoritären Regierung immer zur Stabilisierung der Gesellschaft, sagt die Sinologin Kristin Shi-Kupfer von der Universität Trier.

Zudem habe Peking wohl auch die demografische Entwicklung Chinas im Blick. Die Regierung sei darauf bedacht, mehr Anreize für Menschen zu schaffen, Kinder zu bekommen und so der Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Dabei helfe ihr ein tradiertes Familien- und Rollenbild und eine männliche Darstellung von Rollen.

"Ein zu verweichlichter Mann, um es mal etwas plakativ zu sagen, wäre im Zweifelsfall kein guter starker Kämpfer für die chinesischen Nation."
Kristin Shi-Kupfer, Sinologin

Alles, was in Richtung Pluralismus gehe und eine gewisse Flexibilität zeige, lasse sich nicht so gut in das klare Weltbild, in die klare Ideologie der kommunistischen Partei einordnen, so Kristin Shi-Kupfer. Es handele sich um ein zunehmend totalitäres System.

Nicht viel Freiheit ist akzeptiert

Bislang empfanden viele Chinesinnen und Chinesen ihr Leben – solange sie sich politisch nicht einmischten – als relativ selbstbestimmt, sagt Kristin Shi-Kupfer. Dass man bei der politischen Mitbestimmung nicht viele Freiheiten hat, hätten viele Chinesinnen und Chinesen quasi akzeptiert. Gerade die Mittelschicht der jüngeren Generation hätte inzwischen aber zu schätzen gelernt, den persönlichen Bereich relativ frei gestalten zu können.

Die Regierung der Volksrepublik habe den Anspruch, sehr viel stärker in alle Lebensbereiche hinein zu regieren – nicht mehr nur im Bereich Journalismus, Rechtsauslegung oder Bildung, sondern eben in den privatesten Bereich hinein: Sie will auch bei Konsum und Kommerz mitreden, den sie ja immer gefördert habe.

Die große Frage sei: Wie schafft es Peking, die chinesische Gesellschaft mit ihren gewachsenen Erwartungen und Ansprüchen trotzdem mitzunehmen und nicht eine massive Unzufriedenheit und Unwillen innerhalb der chinesischen Mittelschicht zu produzieren?

Der Druck auf die Menschen steigt

Für viele Leute in den Städten und auf dem Land sei das Leben ein zunehmendes Ringen: überteuerte Wohnungspreise, kein guter Zugang zu Bildung für ihre Kinder, Umwelt- und Nahrungsmittelskandale. Es sei zwar ein einigermaßen selbstbestimmtes, aber eben auch zunehmend kompetitives und anstrengendes Leben.

Dieser Druck werde jetzt durch die zunehmenden Eingriffe im kommerziellen und privaten Bereich noch einmal verschärft.

"Im Zuge der ideologischen Kontrolle möchte Peking alle pluralistischen Einflüsse, die nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen oder diese eben auch herausfordern könnten, gleichschalten."
Kristin Shi-Kupfer, Sinologin

Der Gedanke dahinter: Eine stabile, letztendlich uniforme Gesellschaft dient als Basis einer starken Nation, die dann auch die territorialen und geostrategischen Interessen sichern kann.

Es gibt aber durchaus auch Stimmen, die sich Sorgen machen und die zunehmende Kontrollwut der Kommunistischen Partei als sehr belastend empfinden, sagt Kristin Shi-Kupfer. So gibt es in chinesischen sozialen Medien auch die Meinung, dass China vor einer zweiten Kulturrevolution steht.