Die Proteste in China gegen die Null-Covid-Politik sind abgeflacht. Dennoch zeigt der anhaltende Unmut wohl Wirkung. Doch wie kann die Staatsführung die Corona-Maßnahmen herunterfahren, ohne dass es zu einer Infektionswelle mit vielen Toten kommt? Denn gerade bei den Älteren gibt es Impflücken.

Ende November protestierten in verschiedenen Städten in China Menschen gegen die strikten Corona-Maßnahmen. "In dieser Dimension sind die Proteste durchaus ungewöhnlich", sagt die Sinologin Marina Rudyak im Gespräch mit Deutschlandfunk Nova.

In den vergangenen Tagen ist die Protestwelle abgeflacht. Auch weil die Polizeibehörden die Menschen strenger kontrollieren und zum Beispiel Taschen oder auch Smartphones nach Hinweisen auf die Proteste durchsuchen. Außerdem läuft die Zensurmaschine im Netz auf Hochtouren. Deshalb ist es für die Menschen schwierig, sich zu vernetzen.

Was passiert, wenn die Maßnahmen gelockert werden?

Zugleich versucht die Staats- und Parteiführung die Situation nicht zu eskalieren. Doch eine Lockerung der strikten Corona-Maßnahmen birgt große Risiken. Auch, weil die Fallzahlen bei Corona-Infektionen hoch sind, so Jakob Simmank. Der Journalist leitet bei Zeit Online das Ressort Gesundheit.

"Zuletzt waren es über 40.000 Fälle pro Tag", sagt Jakob Simmank. Das klingt nicht sonderlich viel, aber diese Infektionen geschehen trotz der strengen Null-Covid-Politik im Land. Die vorherrschende Coronavirus-Variante Omikron ist sehr ansteckend. Hinzu kommt, dass die offiziellen Zahlen der Staatsführung mit Skepsis zu bewerten sind. "Sowohl bei den Fallzahlen als auch bei den Impfquoten kann man sich nicht ganz sicher sein, dass sie wirklich die Realität widerspiegeln", sagt Jakob Simmank.

"Das Problem sind gegenwärtig wohl die niedrigen Impfquoten bei den älteren Menschen."
Jakob Simmank, Zeit Online, Leiter Ressort Gesundheit

Die Impfraten sind entscheidend, wenn es um mögliche Lockerungen der Corona-Maßnahmen geht. In China gibt es bei den über 60- und auch über 80-Jährigen große Impflücken, erklärt Jakob Simmank. "Wenn man das jetzt laufen lässt, dann sind das genau die Altersgruppen, wo wir schwere Verläufe zu erwarten haben."

Wenn China nun öffnen sollte, dann bringt das große Risiken mit sich. Das zeigen Modellierungen, auf die sich der Journalist beruft. Wenn China nun komplett locker ließe, müsse man mit einer Infektionswelle und möglicherweise 1,5 Millionen Toten rechnen. Außerdem drohe die komplette Überlastung des Gesundheitssystems.

Fehlendes Vertrauen in Impfstoffe

Warum die Impfraten gerade bei den älteren Menschen relativ niedrig sind, lässt sich nicht einfach beantworten. Die Null-Covid-Politik der Staatsführung habe möglicherweise eine falsche Sicherheit transportiert. "Die Menschen dachten, die Regierung schützt sie auf alle Zeit vor diesem Virus", sagt Jakob Simmank. Der Schutz durch eine Impfung geriet dabei in den Hintergrund.

Ein weiterer Aspekt ist auch, dass es gerade bei den älteren Menschen große Sorgen vor einer Impfung gebe, so der Journalist. Es gibt Ängste vor Nebenwirkungen. Zugleich ist in einem restriktiven Staat wie China das Zutrauen der Menschen in offizielle Angaben nicht immer groß. "Das hat sicherlich auch nicht zum Vertrauen in die Impfungen beigetragen", sagt der Journalist.

Impfraten hoch, Kommunikation ändern

Chinas Staatsführung fährt zurzeit die Impfbemühungen hoch, die Impfraten scheinen zu steigen. Das Land hat möglicherweise zu lange an seiner Null-Covid-Politik festgehalten. Jede Phase der Pandemie brauche aber unterschiedliche Strategien, meint Jakob Simmank. "In dem Moment, in dem wir Impfstoffe haben, die wirksam sind, musste sich jedes Land die Frage stellen: Wie kommen wir da raus?"

"Ich denke, jede Phase der Pandemie braucht eine eigene Strategie."
Jakob Simmank, Zeit Online, Leiter Ressort Gesundheit

Das scheint China nun zu versuchen. Dazu gehört eben das Hochfahren der Impfraten. Aus dem Ausland gibt es das Angebot, mRNA-Impfstoffe zu liefern. Die chinesischen Impfstoffe erweisen sich als weniger wirksam, so die Sinologin Marina Rudyak. Doch bislang verweigert Pekings Führung Impfstoffe aus dem Westen anzukaufen. "Weil man dann im Prinzip zugeben müsste, dass die eigenen Impfstoffe nicht so wirksam sind", sagt Marina Rudyak.

Aber neben dem Impfen muss Peking die Bürger*innen darauf vorbereiten, dass es zu mehr Infektionen kommen wird, wenn die Corona-Maßnahmen gelockert werden.

"Die Menschen haben Angst vor dem Virus."
Jakob Simmank, Zeit Online, Leiter Ressort Gesundheit

Denn seit Ausbruch der Coronapandemie wurde seitens der Politik vor allem kommuniziert, wie gefährlich das Coronavirus ist. "Es gibt viele Menschen, die Angst davor haben, dass dieses Virus frei zirkuliert", sagt Jakob Simmank. Deshalb sei es auch wichtig, dass die Staatsführung ihre Kommunikation umstelle.

  • Moderator:  Till Haase
  • Gesprächspartner:  Jakob Simmank, Zeit Online, Leiter Ressort Gesundheit