Nachbarschaftshilfe ist gerade angesagt. Wir tun in der Krise anderen etwas Gutes und rücken mit unseren Nachbarn plötzlich ungewohnt nahe zusammen.

Die Hausflure hängen voll mit Zetteln, auf denen wir unseren Nachbarn Hilfe beim Einkaufen anbieten, aus dem Nichts werden Stiftungen und Nachbarschaftsportale gegründet – die Corona-Pandemie sorgt auch für eine ungeahnte Solidarität, für ein neues Gemeinschaftsgefühl.

Wenn wir vorher mit unseren Nachbarn kommuniziert haben, dann in den meisten Fällen doch eher mit einem schüchternen Kopfnicken, falls wir uns mal auf dem Hausflur oder der Straße über den Weg gelaufen sind. Doch nun verbringen wir viel mehr Zeit zu Hause und lernen unsere Nachbarn auch besser kennen.

In dieser Ab21-Ausgabe sprechen wir darüber, wie uns die Corona-Krise als Nachbarn stärker zusammenwachsen lässt, aber auch welche Gefahren das mit sich bringt.

Ronja feiert mit ihren Nachbarn "Hof-Feste"

Ronja wohnt in Hamburg und feiert jetzt mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn jeden Tag ein "Hof-Fest", wie sie es nennen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen sieht das so aus: Es gibt ein Vorderhaus und ein Hinterhaus – dazwischen befindet sich der Hof. Den vereinnahmt die Nachbarschaft jeden Abend um 19 Uhr und unterhält sich (oder brüllt) von Fenster zu Fenster.

Viele der Nachbarn, etwa zwei Drittel, kannte sie vorher nicht. Inzwischen habe sich eine richtige Gemeinschaft gebildet, erzählt Ronja. Sie ratschen, musizieren oder stellen sich Essen vor die Türe.

"Am Berührendsten waren die Tage, an denen es uns nicht so gut ging. Ich fand es sehr besonders, dass sich Nachbarn, die ich vor drei Wochen noch gar nicht kannte, so offen zeigen."
Ronja

Michael Vollmann ist Geschäftsführer der Stiftung von nebenan.de. Die gemeinnützige Stiftung des Nachbarschaftsportals hat eine Hotline und eine Website für Nachbarschaftshilfe gestartet. Während der Corona-Krise soll die Leute, die keinen Internetanschluss haben oder sich nicht so gut im Netz auskennen, mit Menschen, die ihre Hilfe anbieten wollen, zusammenzuführen.

Damit die Hilfesuchenden von dem Angebot erfahren, wurden ein TV-und ein Radiowerbespot produziert. Außerdem werden offline Anzeigen, beispielsweise in Zeitschriften geschalten. Inzwischen hat die Stiftung über 4200 Hilfegesuche erhalten – und beinahe alle auch vermittelt.

"Wir möchten das als eine Schnittstelle ausbauen, um auch nach der Krise für ältere, technikfremde Menschen Nachbarschaftshilfe zu bieten."
Michael Vollmann, Geschäftsführer der Stiftung von nebenan.de

Nicht jede Nachbarschaftshilfe hilft

Benjamin Maier arbeitet am Robert Koch-Institut und erforscht, wie Ansteckungsprozesse bei Epidemien verlaufen. Von seiner Arbeit weiß er, dass nicht jedes Nachbarschaftshilfsangebot auch wirklich hilft.

Er sagt, dass wir der Risikogruppe nur wirklich helfen, wenn wir nur für einen einzigen Haushalt einkaufen gehen. "Jeglichen Kontakt, den wir vermeiden können, sollten wir auch vermeiden. Bei einer Infektionskrankheit wie COVID-19 sind Kontakte zwischen Menschen das Benzin im Feuer. Je mehr man davon rausnehmen kann, desto besser. Wenn man für mehrere alte Menschen einkaufen geht, dann heißt das auch, dass man sich öfter nach draußen bewegt und dementsprechend wieder Kontakte hinzufügt, die möglicherweise später Infektionen hervorrufen können.“

Podcast zur Sendung
  • Ab 21
  • Moderatorin :  Teresa Nehm
  • Gesprächspartnerin:  Ronja von Wurmb-Seibel, freie Journalistin
  • Gesprächspartner :  Michael Vollmann, Geschäftsführer der Stiftung von nebenan.de
  • Gesprächspartner :  Benjamin Maier, Netzwerkforscher, Physiker am Robert Koch-Institut