Bisher dachten Forscher, dass die Ursache für Schlaflosigkeit in einem Bereich des Gehirns liegt, der Schlaf reguliert. Niederländische Hirnforscher vermuten jedoch, dass die Gründe für Insomnie in Gehirnregionen liegen, die unsere Gefühle kontrollieren.

Niederländische Forscherinnen und Forscher haben eine ungewöhnliche Hypothese: Sie verorten die Ursachen für chronische Schlaflosigkeit in den Bereichen des Gehirns, die unsere Emotionen regulieren. Um die Annahme zu bestätigen, hat das Forscherteam einen speziellen Versuchsaufbau entwickelt, um bei den Testpersonen die Emotion Scham zu erzeugen.

Probanden sollten Scham empfinden

Deswegen ließ das Forscherteam sie Karaoke singen. Um sicherzustellen, dass es den Probanden peinlich sein würde, wurden Songs ausgewählt, die sowohl möglichst bekannt, als auch schwer zu singen sind. Die Absicht dahinter: Die Probanden sollten so viele Töne wie möglich verfehlen.

60 Versuchsteilnehmerinnen und Versuchsteilnehmer machten bei dieser Untersuchung mit. Die Hälfte von ihnen litt an Schlaflosigkeit, die andere Hälfte schlief gut. Eine Woche nach dem Karaoke-Experiment spielten die Forscher den Probanden die Aufnahmen wieder vor. Dabei ließen sie aber die Musik unter dem Gesang weg. Dadurch wurden die schief gesungenen Töne noch deutlicher zu hören – der Peinlichkeitsfaktor stieg an.

"Bei den Songs war eigentlich nur wichtig, dass sie möglichst bekannt waren und schwer zu singen: Die Testpersonen sollten möglichst viele Töne verfehlen."
Tobias Jobke, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Nachdem die Testpersonen sich ihren eigenen Gesang angehört hatten, wurden sie zu ihren Gefühlen befragt. Gleichzeitig wurde gemessen, wie aktiv ihr Gehirn dabei war: Wie das Forscherteam erwartet hatte, kam dabei heraus, dass die Hirnregion für Emotionen tatsächlich sehr aktiv gewesen ist. Danach wurden die Probanden nach peinlichen Situationen befragt, die schon Jahre zurückliegen – und sie wurden gebeten, sich daran zu erinnern.

Normal-Schlafende und Schlaflose reagieren unterschiedlich

Das Ergebnis: Bei denjenigen, die mit dem Ein- und Durchschlafen keine Probleme haben, war die Hirnregion ziemlich ruhig, die beim Schamgefühl nach dem Karaokemitschnitt noch aktiv war. Bei den Menschen mit Schlafproblemen war sie beim Erinnern an den lange zurückliegenden peinlichen Moment dagegen fast so aktiv wie beim Schamgefühl des schiefen Karaokegesangs.

Auch wenn die jeweilige Situation, an die die Versuchspersonen erinnert wurden, schon Jahre zurücklagen, fühlten sich die Menschen mit Schlafschwierigkeiten und Schlafstörungen emotional stärker in diesen Moment zurückversetzt. Das zeigten auch die Gehirnmessungen.

"Bei den Normalschläfern war die Hirnregion, die beim aktuellen Schamgefühl nach dem Karaokemitschnitt aktiv war, ziemlich ruhig."
Tobias Jobke, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Bei der Frage nach Ursache und Wirkung wollen sich die Forscherinnen und Forscher bisher noch nicht hundertprozentig festlegen. Sie sagen nur, dass sie einen Zusammenhang zwischen Schlafmangel und der Verarbeitung von Gefühlen sehen. Außerdem sei diese Studie mit nur 60 Teilnehmenden zu klein, um jetzt schon allgemeingültige Schlussfolgerungen daraus abzuleiten.

"Sie sagen erst mal nur, dass sie einen Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Gefühlsverarbeitung gefunden haben."
Tobias Jobke, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion